Sächsische Zeitung, Seite 3, 19.06.2017

Ladenhüter Lenin

Die Dresdner konnten das Denkmal einst nicht schnell genug loswerden. Nun sollte das Kunstwerk vom Wiener Platz bei einer Auktion viel Geld bringen. Aber keiner will es haben.

Von Tobias Wolf

2017-06-19-Ladenhüter LeninDas Schicksal des Genossen Lenin entscheidet sich am Ende in nur drei Minuten. Frank Ehlert, weißes Hemd, schwarzes Sakko spricht ins Mikrofon und guckt in die Kamera. „Ich stelle fest, es gibt kein Gebot für das Lenin-Denkmal aus Dresden“, sagt er am Samstagnachmittag. Jene Skulptur, die von 1974 bis 1992 am Wiener Platz in Dresden stand und im Volksmund abschätzig „die roten Bahnhofsvorsteher“ genannt wurde, weil Reisende auf ihrem Weg in die Stadt daran vorbei mussten. Hier im schwäbischen Gundelfingen steht sie zerlegt auf dem Hof und wartet auf einen Käufer. Das Mindestgebot für das Prachtstück aus Dresden: 150 000 Euro. Doch niemand will das Dreier-Denkmal von Lenin, dem Kommunistenführer Ernst Thälmann und dem Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid haben.

Dabei hatte Ehlert im Vorfeld alles versucht. Immerhin wird nicht jeden Tag solch ein Kunstwerk versteigert. Er wusste, dass es nicht einfach werden würde. Obwohl die Medien landesweit darüber berichteten. Auch vor Ort fallen die Denkmale immer wieder auf. Noch eine halbe Stunde bis zur Auktion. Zwei Radfahrer bleiben stehen. „Das ist doch der ganze Ostblock, der dort steht“, ruft der jüngere der beiden. Sie gehen ungläubig zu den Denkmalen, machen ein paar Fotos und sind wieder weg. Der Donau-Wanderweg führt fast unmittelbar vorbei und treibt immer wieder Besucher auf den Hof. Nur kaufen will auch von den Touristen keiner spontan. „Für den Vorgarten ist das ja alles ein bisschen groß“, sagt ein Rentner.

Fast 20 Figuren hatte der Unternehmer Josef Kurz Anfang der 1990er-Jahre aus dem ehemaligen Ostblock geholt. Begonnen hatte alles mit einer Stalinfigur aus Tschechien. Versteigert werden nun sechs davon, inklusive Lenin. „In Dresden wird sehr kontrovers diskutiert, ob die Skulptur wieder aufgestellt werden soll“, sagt der 49-jährige Auktionator zu seinem Internet-Publikum, als die Auktion startet. Ehlert ist froh, dass es wenigstens nicht regnet. Seine Hände streichen über die Kante der polierten weißen Marmorsäule vor ihm. Die Stühle auf dem Hof des Natursteinunternehmens sind leer geblieben – trotz der Schlagzeilen in den vergangenen Wochen. Nur eine Handvoll Bieter hat sich für die wohl ungewöhnlichste Versteigerung des Jahres angemeldet, darunter Interessenten aus China und Russland – per Internet. Sie verfolgen die Auktion per Video.

20 Zuschauer sind da, Schaulustige, ein paar Journalisten und die Familie, der das Unternehmen gehört. Josef Kurz junior sitzt mit seinen Schwestern auf einer Bank. Der 53-Jährige, lange graublonde Haare, Bart und schlichte schwarze Kleidung, will nicht nur Lenin nun versilbern. Sein Vater, Josef Kurz senior, hatte das ungewöhnliche Sammelsurium kommunistischer Diktatoren in Stein und Bronze in den frühen 1990er-Jahren auf dem Gelände seiner Firma angelegt. Jetzt braucht der Sohn Geld, um das väterliche Unternehmen umzustrukturieren, wie er sagt. „Mit hochwertigen Grabsteinen aus Marmor und Granit ist heute wegen der Konkurrenz aus Fernost nicht mehr viel zu verdienen“, sagt der 53-Jährige. Für den Umbau der Firma sind teure Maschinen nötig. Er verschränkt die Arme vor der Brust. Museen habe man angeschrieben, aber die hätten kein Interesse gezeigt. Es ist in den letzten 25 Jahren ruhig geworden um die Denkmäler.

Anfang der 1990er-Jahre fuhren Touristen noch scharenweise in Reisebussen in dem Gewerbegebiet am Rand Gundelfingens vor, um sie zu sehen. Fernsehstationen und Zeitungen berichteten weltweit von der Sammlung des Unternehmers. Dieter Hacker erinnert sich noch an diese Zeit. Er ist gekommen, um sich von den Statuen zu verabschieden. „Ich fand das damals toll“, sagt der 50-Jährige. Er habe seine Mutter besucht und in der Zeitung gelesen, dass die Bahnhofsvorsteher verkauft werden. „Das Lenin-Denkmal gehört doch wieder zurück nach Dresden“, sagt er mit weichem schwäbischem Akzent. „Das ist Geschichte, zu der man stehen sollte.“

Für Frank Ehlert ist es wohl der bisher schwierigste Job, eine Auktion, bei der er keine Prognose wagt und keine Versprechungen macht. Ein Stück hinter der Marmorsäule blickt der sandsteingewordene sowjetische Diktator Stalin mit strengem Blick ins Weite, flankiert von den Bronzestatuen der tschechischen Kommunisten Klement Gottwald und Antonin Zapotocky. Die Figuren sollen zwischen 11 000 und 22 000 Euro kosten. Neben dem Eingang zur Produktionshalle streckt der Kommunistenführer Ernst Thälmann die Arbeiterfaust gen Himmel. Er stand einst im mittelsächsischen Penig. Der Mindestpreis: 13 000 Euro.

Als Erstes kommt die Thälmann-Statue unter den Hammer. Auf dem Platz ist für einen Moment Ruhe. Ehlert wartet. „Gibt es ein Gebot?“ Ehlert drückt den Kopfhörer ans Ohr, schaut zu seinem Techniker am Laptop. Die Gespräche auf der Zuschauer-Bank sind verstummt. Josef Kurz verschränkt die Arme, wartet mit zusammengekniffenen Augen auf die Bestätigung. Der Techniker schüttelt den Kopf. Kein Gebot. Die Zeit läuft. Zwei Minuten pro Skulptur. „Kommen wir zum nächsten Objekt“, spricht Ehlert wieder in die Kamera. Die Enttäuschung ist ihm nicht anzumerken.

Er hofft, dass wenigstens ein Teil der Sammlung weggeht. Aber auch die beiden tschechischen Figuren will niemand kaufen. Stalin ist dran. Nach zwei Minuten ist klar, auch der Sowjetdiktator bleibt ein Ladenhüter. Die Familie wird unruhig. Kurz junior steht inzwischen, auf dem Hof ist es mucksmäuschenstill. Jetzt gibt es nur noch ein Kunstwerk. Das Dresdner Lenin-Denkmal. Ganz am Ende der Halle stehen die Köpfe der Skulptur, die Unterteile und der Sockel liegen auf einem Haufen am Rand des Firmengeländes. Das wuchernde Gras drum herum hat Ehlert für die Auktion mähen lassen. Falls doch ein Bieter persönlich erscheint. Auf einem Tieflader hatte der konservative Unternehmer Josef Kurz senior das Lenin-Denkmal 1992 nach Gundelfingen verfrachtet. 200 000 Mark kostete die Aktion. In Dresden war man glücklich, den Koloss los zu sein – wie überall in der ehemaligen DDR, als man die Relikte des real existierenden Sozialismus schleifte.

Der alte Kurz wollte Lenin und die anderen monumentalen Figuren ausstellen. Mit den steinernen Kommunisten-Herrschern könnten in Zukunft Millionen verdient werden, glaubte er in den 1990er-Jahren. Insgesamt 160 Figuren hatte er in Osteuropa gefunden, einige von ihnen bis zu 45 Meter hoch. Der Gundelfingener Bürgermeister soll angesichts dieser Ideen außer sich gewesen sein, weil in der kleinen schwäbischen Stadt nichts den 38 Meter hohen Turm der St-Martins-Kirche überragen dürfte. Dann gab es Pläne für einen Skulpturenpark. Doch all das zerschlug sich. Nun sind 25 Jahre vergangen, und die Erben wollen die Statuen loswerden, aber nicht um jeden Preis. „Wenn sich niemand findet, dann stehen sie eben weiter bei uns“, sagt Josef Kurz junior. Er sitzt auf einer Bank und beobachtet den Auktionator, der inzwischen das letzte der sozialistischen Kunstwerke tapfer vor der Kamera anpreist.

Bei Lenin müssen die Internet-Bieter nun nach Fotos entscheiden, die eingeblendet werden. „Gibt es ein Gebot für Lenin?“ Als Auktionator ist Ehlert immer auch ein bisschen Entertainer, er motiviert, lockt und unterhält sein Publikum. Demnächst kommt Bio-Sport-Damen-Unterwäsche unter den Hammer. Er hat Kunst und Baumaschinen an den Mann gebracht, das Inventar der Schwarzwaldklinik oder einer alten DDR-Fischgaststätte in Potsdam. Aber kommunistische Diktatoren sind etwas anderes, vielleicht sogar Politisches, auch wenn das alles lange her ist.

Ehlert erinnert daran, dass die Köpfe der Dresdner Skulptur schon als Kunstwerk auf einem Lkw durch Norditalien rollten und viele Besucher anzogen. Ein kleiner Holzhammer mit Messingverzierung liegt auf der Marmorsäule bereit. Gern würde Ehlert rufen: „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten.“ Er wartet, guckt über die Landschaft aus Hunderten fertigen Grabsteinen, Marmorplatten und Skulpturen, die sich über das Betriebsgelände verteilen, dazwischen die Kunstwerke, die den Menschen im Osten früher Ehrfurcht einflößen sollten. Zwei Minuten sind um. Ehlert fragt wieder, ob es ein Gebot für den Bahnhofsvorsteher gibt. Keine Antwort. Also erzählt er weiter über das Denkmal, erwähnt, dass auch Ex-SED-Bezirkschef Hans Modrow eine Rückkehr Lenins befürworte.

Dann kommt der letzte Aufruf. Ehlert guckt seinen Techniker an. Der schüttelt den Kopf. Kein Gebot. „Das sind eben keine Oldtimer, wo man vorher weiß, dass es funktionieren wird“, sagt Ehlert. Am Abend steht Lenin immer noch neben der Fabrikhalle, und auch der Arbeiterführer Thälmann wird seine Faust vorerst weiter in den Himmel über Gundelfingen recken.