{"id":529,"date":"2016-11-12T15:38:35","date_gmt":"2016-11-12T13:38:35","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=529"},"modified":"2021-12-18T20:18:40","modified_gmt":"2021-12-18T18:18:40","slug":"der-fluechtling-saechsische-zeitung-seite-3-12-11-2016","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=529","title":{"rendered":"\u201eDer Fl\u00fcchtling\u201c &#8211; Wie Pegida-Chef Lutz Bachmann auf Teneriffa lebt, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 12.11.2016"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 12.11.2016<\/p>\n<h1>Der Fl\u00fcchtling<\/h1>\n<h4>Weil er und seine Frau sich in Sachsen bedroht f\u00fchlten, w\u00e4hlte Lutz Bachmann die Kanareninsel Teneriffa als neue Heimat. Doch dort ist der Zuwanderer nicht willkommen.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf<\/p>\n<p>Sein neue<a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2016-11-12-BachmannTeneriffa.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-532\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2016-11-12-BachmannTeneriffa-150x150.jpg\" alt=\"2016-11-12-BachmannTeneriffa\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2016-11-12-BachmannTeneriffa-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2016-11-12-BachmannTeneriffa-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2016-11-12-BachmannTeneriffa-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2016-11-12-BachmannTeneriffa-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2016-11-12-BachmannTeneriffa-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>r Zufluchtsort ist eine Festung. Die Zufahrt zum Parkplatz ist durch eine Schranke gesichert, an der Rezeption steht ein Wachdienst. F\u00fcr die wenigen Fu\u00dfg\u00e4ngerpforten in der Hunderte Meter langen Mauer ringsum braucht man einen Schl\u00fcssel. Die Fensterseiten mit den Balkonen zeigen alle nach innen. Die anonyme Appartementanlage ganz im S\u00fcden der Ferieninsel Teneriffa wirbt mit dem Slogan &#8222;Eine Stadt zum Leben&#8220;. Sie ist ein nahezu perfektes Versteck, \u00f6ffentlicher Zutritt verboten.<\/p>\n<p>Lutz Bachmann macht einen gehetzten Eindruck, als er am vergangenen Dienstagabend auf dem K\u00f6nigin-Sofia-Flughafen mit einer Ryanair-Maschine aus Berlin eintrifft. Am Samstag war er auf Einladung des neurechten Magazins Compact als Referent bei der &#8222;Konferenz f\u00fcr Meinungsfreiheit&#8220; in der Bundeshauptstadt aufgetreten, hatte dort seine Eltern getroffen. Am Montag sprach er bei Pegida in Dresden. Nun wartet der 43-J\u00e4hrige auf der kanarischen Urlaubsinsel neben den Gep\u00e4ckb\u00e4ndern. Er tr\u00e4gt eine schwarze Jacke, Jeans, Turnschuhe, sieht sich auff\u00e4llig oft um.<\/p>\n<p>Bachmann wei\u00df: Auch auf Teneriffa ist er inzwischen ein bekannter Mann. Im September war sein Umzug publik geworden, Ende Oktober erkl\u00e4rte ihn das Regionalparlament der Insel einstimmig zur unerw\u00fcnschten Person. So etwas hat es auf Teneriffa nie zuvor gegeben.<\/p>\n<p>Der Sprecher der Sozialisten auf Teneriffa, Miguel Angel Perez, begr\u00fcndet den Abgeordnetenbeschluss: &#8222;Wir sind gastfreundlich und tolerant. Wir k\u00f6nnen nicht einfach zuschauen, wenn sich jemand, der rassistische Tiraden gegen Muslime in Deutschland und auf Facebook abl\u00e4sst, in unserer Mitte niederl\u00e4sst.&#8220; Fernando Sabate von der Podemos-Bewegung erg\u00e4nzt: &#8222;Es ging uns um ein politisches Zeichen.&#8220; Der Parlamentsentscheid ist juristisch unbedeutend. Auch f\u00fcr den Pegida-Chef gilt das Recht, seinen Wohnsitz innerhalb der Europ\u00e4ischen Union frei w\u00e4hlen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Dieser neue Wohnsitz liegt gar nicht weit entfernt vom Flughafen. In nur wenigen Autominuten ist die Appartementanlage &#8222;Atlantic&#8220; in El Guincho ganz im S\u00fcden Teneriffas erreicht. Kaum ist Bachmann dort angelangt, sind nach f\u00fcnfst\u00fcndiger Flugpause auf seiner Facebook-Seite wieder die ersten Posts gegen alles Muslimische dieser Welt, gegen etablierte Politiker und Medien zu lesen.<\/p>\n<p>In einem der 320 Appartements der Anlage verbringt Bachmann die Nacht, in der Donald Trump zum US-Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wird. In weiten Teilen ist die geschlossene Siedlung mit ihren drei Pools noch eine Baustelle, 800 Wohneinheiten sollen insgesamt entstehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr 730 Euro kalt l\u00e4sst sich eine Villa mieten, wobei sich hinter dem Begriff &#8222;Villa&#8220; ein schlichter schn\u00f6rkelloser Standardbetonbau verbirgt. Man lebt Wand an Wand. Parterre-Wohnungen kosten 570 Euro kalt. Wer nur drei Monate unterkommen will, muss lediglich einen Pass vorlegen und im Voraus bezahlen. Meistens bar, eine anschlie\u00dfende Verl\u00e4ngerung ist problemlos m\u00f6glich. F\u00fcr eine langfristige Miete hingegen sind ein spanischer Arbeitsvertrag und Einkommensnachweise vorzulegen. Den Mietvertrag hat Bachmann nach SZ-Informationen nicht selbst abgeschlossen.<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte ihn gern pers\u00f6nlich gefragt, wie er das Leben auf der Insel, die ihn nicht haben will, lebt und finanziert. Ob er einen G\u00f6nner hat. Ob er einer geregelten Arbeit nachgeht. Wie er seine Zukunft sieht. Und die von Pegida. Ob er irgendetwas bereut von dem, was er in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat. Doch auf den Vorschlag, sich zu treffen, reagiert der 43-J\u00e4hrige nicht. Bekannt ist nur, was er via Facebook schon vor Wochen mitteilte. Er habe auf Teneriffa Werbeauftr\u00e4ge, und er sei an Sanierungsarbeiten von Hotels beteiligt.<\/p>\n<p>Ein Redakteur der Zeitung La Opinion in Santa Cruz im Norden der Insel z\u00e4hlt zu den wenigen spanischen Journalisten, die bislang Kontakt mit Bachmann hatten, wenn auch nur \u00fcber Facebook. Er erz\u00e4hlt, Bachmann habe Fragen zu seiner Arbeit auf der Insel nicht beantwortet. Der Pegida-Gr\u00fcnder habe ihm nur geschrieben, dass er aus Sicherheitsgr\u00fcnden auf Teneriffa lebe. In Deutschland f\u00fchle er sich bedroht, und die Geheimdienste w\u00e4ren hinter ihm her.<\/p>\n<p>Die Nacht, in der Trump gewann, muss ein innerlicher Vorbeimarsch f\u00fcr Bachmann gewesen sein. &#8222;Lieber Herr Pr\u00e4sident&#8220;, schreibt er auf Englisch auf Facebook morgens um halb neun, &#8222;k\u00f6nnen Sie schon einige R\u00e4ume f\u00fcr Verr\u00e4ter wie Merkel in Guantanamo reservieren?&#8220; Dann k\u00fcndigt er an, sich auf Trumps Sieg zur Feier des Tages ein &#8222;riesiges, echtes, amerikanisches (T)Rumpsteak&#8220; zu g\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unentwegt unterh\u00e4lt Bachmann vor allem seine Anh\u00e4nger im fernen Sachsen mit Posts und Kommentaren im Stundentakt. Dass im lokalen H\u00f6rfunk an diesem Tag die Nachricht verbreitet wird, der Stadtrat der zweitgr\u00f6\u00dften Kommune auf Teneriffa, San Cristobal de La Laguna, habe sich ausdr\u00fccklich hinter den Parlamentsbeschluss gestellt, ihn als unerw\u00fcnscht anzusehen &#8211; das teilt er seinen Fans in der alten Heimat nicht mit.<\/p>\n<p>Der Mann, der es vor zwei Jahren aus dem Nichts auf die Titelseite der New York Times schaffte; der Mann, der mit Pegida eine gro\u00dfe Anti-System-Bewegung aus dem Boden stampfte und damit die gesellschaftliche Spaltung einer Gro\u00dfstadt vorantrieb &#8211; er ist auf Teneriffa selbst zum Getriebenen geworden. Von Gelassenheit oder gar innerer Einkehr ist nichts zu erkennen, wenn er etwa mit seiner Frau Vicky mit einem wei\u00dfen Golf ins Gewerbegebiet von Las Chafiras zum Einkaufen f\u00e4hrt. In wei\u00dfem T-Shirt, bunter Strandhose, Badeschlappen, Basecap und Sonnenbrille steht er da, gestikuliert, dr\u00e4ngt seine Frau zur Eile. Sie kann seinen weit ausholenden Schritten kaum folgen, macht einen deprimierten Eindruck. W\u00e4hrend er sich in den Kofferraum beugt, tr\u00e4gt sie die Saftkartons und Kaffeepackungen.<\/p>\n<p>Das Ehepaar Bachmann lebt schon seit Monaten auf der Insel. Nach SZ-Informationen hatten sie im Fr\u00fchjahr ihren Golf bis unters Dach beladen und waren von Andalusien aus nach Teneriffa mit der F\u00e4hre \u00fcbergesetzt. Einer ihrer ersten Zufluchtsorte war Armenime, ein verschlafenes D\u00f6rfchen inmitten einer kargen Landschaft mit kleinen steilen Stra\u00dfen. Dort lebten sie in einer 65-Quadratmeter-Wohnung im Erdgeschoss.<\/p>\n<p>Die Immobilie geh\u00f6rt einem schw\u00e4bischen Gesch\u00e4ftsmann, der zuletzt in Th\u00fcringen als Liquidator von Firmen arbeitete. Er ist l\u00e4ngst Rentner, den Winter \u00fcber lebt er auf den Kanaren. Der 81-J\u00e4hrige, der locker als 60 durchgehen w\u00fcrde, reagiert sofort auf das Klingeln. &#8222;Ja, Bachmann hat hier gewohnt&#8220;, sagt er. &#8222;Das war aber zu einer Zeit, als ich nicht hier war.&#8220; Sein Sohn habe dann aus der Bild-Zeitung erfahren, wen sie sich als Mieter ins Haus geholt hatten. Man habe dem Pegida-F\u00fchrer daraufhin gek\u00fcndigt, sagt der alte Mann.<\/p>\n<p>Auch die Frau aus der Parallelstra\u00dfe, die gerade zwei Hunde ausf\u00fchrt, erfuhr vom neuen Nachbarn erst aus der Zeitung. &#8222;Wir waren alle total schockiert&#8220;, sagt die Mittf\u00fcnfzigerin. Sie frage sich, was Bachmann auf Teneriffa eigentlich wolle. &#8222;Der hetzt doch bei seinen Montagsparaden in Dresden gegen Ausl\u00e4nder.&#8220; Man muss wissen: Die Gro\u00dfgemeinde Adeje, zu der Armenime geh\u00f6rt, hat 43 000 Einwohner, 46 Prozent davon sind zugezogen.<\/p>\n<p>Bevor Bachmanns Umzug bekannt wurde, war er dabei, sich zumindest im Touristenzentrum Playa de la Americas einen Namen zu machen. Sogar der Parkw\u00e4chter in der Tiefgarage am Strand erkennt ihn auf einem Foto sofort wieder. Bachmanns dortiges Stammlokal offeriert Schnitzel in zig Variationen, N\u00fcrnberger W\u00fcrste und Obazda. Wie die Karte, so das Publikum: deutsch. Die Chefin spricht Bayerisch, der Zungenschlag ihres Freundes, einem Kellner, verr\u00e4t die Chemnitzer Herkunft. Bachmann verstehe zu feiern, sagen sie. &#8222;Party machen, das kann er. Und er macht eine herausragende Soljanka.&#8220;<\/p>\n<p>Anfangs h\u00e4tten sie gar nicht gewusst, mit wem sie da feierten. Irgendwann aber habe er sie am Tresen gefragt: &#8222;Wisst Ihr eigentlich, wer ich bin? Ich bin der Pegida-Gr\u00fcnder.&#8220; Inzwischen sei man mit Bachmann befreundet. Er sei ein Kumpeltyp. &#8222;Ein feiner Mensch, sehr hilfsbereit.&#8220; Die Wirtin vertritt den Standpunkt: &#8222;Jeder kann seine politische Meinung haben, solange er die anderen G\u00e4sten damit nicht bel\u00e4stigt.&#8220; Dennoch treffe man sich jetzt nur noch privat.<\/p>\n<p>Sie wolle nicht riskieren, dass ihr Lokal den Ruf einer Nazikneipe bekomme. Bachmann habe angeboten, nicht mehr zu kommen, sollte es seinetwegen Probleme geben. Und die gab es offenbar. Nachdem aufgeflogen war, wer ihr Stammgast ist, seien einige Wirtskollegen ringsum auf die Barrikaden gegangen.<\/p>\n<p>Sabine Siedentop betreibt die &#8222;Bar Berlin&#8220;. Bachmann sei wohl mal bei ihr gewesen, sagt die 47-J\u00e4hrige. &#8222;Aber da war ich nicht da.&#8220; Sollte er ihre Bar noch einmal betreten, werde sie ihn sofort bitten, zu gehen. &#8222;So jemanden will ich bei mir nicht sehen.&#8220; Auch Touristen sollen emp\u00f6rt reagiert haben. Urlauber aus Dresden h\u00e4tten ihn mit ihren Handys fotografiert &#8211; ob aus Begeisterung oder Verachtung, ist nicht bekannt.<\/p>\n<p>Seit Donnerstag d\u00fcrfte es f\u00fcr Bachmann noch schwieriger werden, unerkannt zu bleiben. Das meistgelesene deutschsprachige Blatt der Insel, der Kanaren-Express, zeigt an diesem Tag auf seiner Titelseite das Konterfei des Pegida-Chefs, versehen mit einem roten Stempel &#8222;persona non grata&#8220;. Die Redaktion erkl\u00e4rt im Editorial, sie begr\u00fc\u00dfe die Entscheidung ihrer Volksvertreter einhellig.<\/p>\n<p>Wohl auch deshalb l\u00e4sst sich der Mann, der so gerne popul\u00e4r sein will, in der \u00d6ffentlichkeit kaum noch sehen. Zur\u00fcckgezogen surft er den ganzen Tag \u00fcber in seinem Appartement durchs Internet, argumentiert f\u00fcr Trump, f\u00fcr Le Pen, f\u00fcr Pegida; zieht Muslime, Linke, die gr\u00fcne &#8222;P\u00e4dopartei&#8220; und die Bundesregierung ins L\u00e4cherliche. Er tut kund, sich juristisch gegen den Bescheid der Stadt Dresden zu wehren, die ihn bis 2021 nicht mehr als Versammlungsleiter akzeptieren will. Und er widerspricht Meldungen, er habe den Schuldspruch gegen ihn wegen Volksverhetzung akzeptiert.<\/p>\n<p>Am Sonntag wird Bachmann voraussichtlich wieder zur\u00fcckfliegen. Seine Anh\u00e4nger werden am Montagabend im kalten Dresden auf ihn warten und ihn feiern. Das wird Balsam f\u00fcr seine Seele sein.<\/p>\n<p>Mitarbeit: Ulrich Wolf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 12.11.2016 Der Fl\u00fcchtling Weil er und seine Frau sich in Sachsen bedroht f\u00fchlten, w\u00e4hlte Lutz Bachmann die Kanareninsel Teneriffa als neue Heimat. Doch dort ist der Zuwanderer nicht willkommen. Von Tobias Wolf Sein neuer Zufluchtsort ist eine Festung. 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