{"id":546,"date":"2017-01-05T16:08:57","date_gmt":"2017-01-05T14:08:57","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=546"},"modified":"2021-12-18T20:22:16","modified_gmt":"2021-12-18T18:22:16","slug":"das-glueck-freiheit-saechsische-zeitung-seite-3-05-01-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=546","title":{"rendered":"\u201eDas Gl\u00fcck Freiheit\u201c &#8211; Karin Sorger landete wegen der Stasi in Hoheneck, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 05.01.2017"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 05.01.2017<\/p>\n<h1>Das Gl\u00fcck Freiheit<\/h1>\n<h4>Sie ertrug Stasi-Verh\u00f6re, sa\u00df im ber\u00fcchtigten Knast von Hoheneck und machte im Westen Karriere. Jetzt k\u00e4mpft Karin Sorger gegen das Vergessen von Unrecht.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf (Text) und Sven Ellger (Foto)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-545\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3-150x150.jpg\" alt=\"2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-01-05-DasGl\u00fcckFreiheit_Seite3-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Die KZ-Aufseherinnen kann Karin Sorger nicht vergessen. Als der sowjetische Film &#8222;Vergiss deinen Namen nicht&#8220; im Kino der Strafanstalt Hoheneck l\u00e4uft, springen zwei ergraute Frauen auf, ballen die Faust und rufen: &#8222;Wir w\u00fcrden es immer wieder tun.&#8220; Sie haben im ber\u00fcchtigtsten Frauengef\u00e4ngnis der DDR nichts mehr zu verlieren. Fast 30 Jahre sitzen sie im Sommer 1977 schon ein. Die eine hat sechs Menschen auf dem Gewissen, die andere zehn. Die Ex-SS-W\u00e4rterinnen geh\u00f6rten zum &#8222;M\u00f6rderkommando&#8220; in Hoheneck am Rande Stollbergs &#8211; darunter sind auch Frauen, die Schwiegermutter oder Kind get\u00f6tet haben. Karin Sorger, damals 38 Jahre alt, hat niemanden umgebracht. Nach heutigem Verst\u00e4ndnis hat sie keine Straftat begangen. Sie ist als &#8222;Politische&#8220; in Hoheneck. Ihr Verbrechen: Die \u00c4rztin wollte aus der DDR fliehen.<\/p>\n<p>Die inzwischen 77-J\u00e4hrige mit den blonden Haaren und dem m\u00e4dchenhaften L\u00e4cheln sitzt an diesem Winterabend in der Bar eines Dresdner Hotels. Es gibt Wasser und Salzstangen. Die \u00c4rztin, Fachgebiet Nieren-Pathologie, mag die Stadt, hat hier viele Freunde aus Uni-Zeiten. In ihrer Stimme ist kein Hass, keine Verbitterung zu sp\u00fcren. &#8222;Das Geheimnis des Gl\u00fccks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut&#8220;, zitiert sie den antiken Staatsmann Perikles &#8211; der Titel ihres Buches gegen die aus ihrer Sicht verkl\u00e4rende Ostalgie. Tags zuvor ist sie in eine Pegida-Demonstration geraten, deren Protagonisten Diktatur und Unterdr\u00fcckung der Meinung beklagen und alles viel schlimmer als in der DDR finden. Sorgers Entsetzen ist nicht gespielt. &#8222;Das ist doch absolut nicht wahr, haben diese Menschen alles vergessen?&#8220;<\/p>\n<p>Sonntag, 6. Februar 1977. Der Boden ist vom Schneeregen matschig. Der Qualm des nahen Kohlekraftwerks zieht \u00fcber die Autobahn 9 bei Wolfen. Karin Sorger stapft durch den Wald, sucht den Kilometerstein 92 an der Transitstrecke zwischen der Bundesrepublik und Berlin. Dort soll sie die Schleuser treffen. Es ist nicht der erste Versuch. Beim letzten Mal hatte sie ihre achtj\u00e4hrige Tochter Natalie an der Hand. Bei klirrender K\u00e4lte ging es durch die Dunkelheit bis zur Autobahn. Aber niemand kam. Nun soll es klappen. Mit einem Lkw.<\/p>\n<p>Seit dem Transitabkommen von 1972 d\u00fcrfen Laster auf dem Weg zwischen der BRD und Westberlin nicht mehr von DDR-Beh\u00f6rden ge\u00f6ffnet werden. &#8222;Anfangs kamen so ganze Container voller Menschen durch&#8220;, sagt Sorger. Meist ist es ein M\u00f6bel- oder Fischtransporter, der kurz h\u00e4lt, vielleicht eine Panne simuliert. In einer getarnten Ladeluke soll es \u00fcber die Grenze gehen.<\/p>\n<p>Den grauen Trabant Kombi hat Sorger an einer M\u00fcllhalde abgestellt, nicht ahnend, dass sie verfolgt wird. Dem \u00f6rtlichen Volkspolizisten war das Leipziger Kennzeichen aufgefallen. An der Transitstrecke ist jeder verd\u00e4chtig, der vermeintlich ziellos rumf\u00e4hrt. Im Polizeikreisamt Bitterfeld wird Einsatzalarm &#8222;Transport&#8220; ausgel\u00f6st. So steht es in Sorgers Stasi-Akte.<\/p>\n<p>Kilometer 92 findet sie nicht. Sie geht zur\u00fcck. Am Auto warten zwei Polizisten, fordern sie auf, mitzukommen. &#8222;Zur Kl\u00e4rung eines Sachverhalts.&#8220; Statt heimzufahren und letzte Vorbereitungen zu treffen, sitzt Sorger in Bitterfeld fest und versucht, den Republikflucht-Verdacht zu zerstreuen, erz\u00e4hlt von ihrer Scheidung, dem Kind und dass sie deshalb oft umherfahre. Da ist der Operative Vorgang &#8222;Doktor&#8220; l\u00e4ngst er\u00f6ffnet. Stundenlange Verh\u00f6re folgen. Nachts fliegt die T\u00fcr auf, ein aggressiv auftretender Mann fegt die Polizisten mit einer Handbewegung aus dem Raum. &#8222;Jetzt kommt die Staatssicherheit.&#8220; Er schreit: &#8222;Wollten Sie in die BRD oder nicht?&#8220;<\/p>\n<p>Stasi-Gef\u00e4ngnis Roter Ochse, Halle: Die Verh\u00f6re gehen ohne Pause weiter. Sie darf nicht essen, schlafen oder zur Toilette, muss sich nackt ausziehen, bekommt Gef\u00e4ngniskleidung. Ein freundlicherer Vernehmer kommt dazu. Einer s\u00e4uselt, der andere schreit &#8211; Psychoterror pur. Die Stasileute sagen, dass Sorger bei einem Gest\u00e4ndnis zu ihrem Kind d\u00fcrfe. Eine L\u00fcge. Sie wei\u00df, dass jeder Fluchtversuch einzeln bestraft wird, gibt einen zu und landet in der Zelle. Zwei mal vier Meter, Liege, Strohs\u00e4cke, Schemel und Tisch. F\u00fcr Hofg\u00e4nge gibt es einen Soldatenmantel. &#8222;Ich wusste, eineinhalb Kilometer von mir entfernt schwenkt mein Ex-Mann in einem Labor seine Reagenzgl\u00e4ser.&#8220; Er k\u00fcmmert sich nach der Verhaftung um die Tochter.<\/p>\n<p>Sorger denkt kurz an Suizid, aber verwirft den Gedanken. Soll Natalie ohne Mutter aufwachsen? In einem Barkas-Transporter, Aufschrift &#8222;Frischer Fisch&#8220;, geht es ins Gef\u00e4ngnis nach Leipzig. Dort sieht sie hinter den Stasi-Gesichtern zuweilen menschliche Z\u00fcge, etwa, als ein Vernehmer zu Disziplin und Sport r\u00e4t, damit sie nicht ergraut und alles vergisst in der zeitlosen Neonr\u00f6hrenwelt der U-Haft. Im Mai verurteilt sie das Kreisgericht Leipzig-Mitte wegen Vorbereitung und Versuch des &#8222;ungesetzlichen Grenz\u00fcbertritts&#8220; zu 18 Monaten Haft.<\/p>\n<p>Weithin sichtbar thront das Schloss \u00fcber Stollberg. Das schwere Tor zur H\u00f6lle von Hoheneck \u00f6ffnet sich fast ger\u00e4uschlos. Hier sind H\u00e4ftlinge auch gefoltert worden, etwa in dunklen Zellen, in die Wasser gepumpt wird, bis man glaubt zu ertrinken. Der Bus passiert dicke Mauern, Gr\u00e4ben, Stacheldraht, Hunde. &#8222;Wer hier reingeht, glaubt, er kommt nicht wieder raus.&#8220; Sorger kommt in eine Zelle f\u00fcr 21 Frauen. Bodenschl\u00e4fer hei\u00dfen jene, die sich in den engen Raum zwischen den Stockbetten zw\u00e4ngen. 1 600 Gefangene sind in Hoheneck, Platz ist eigentlich nur f\u00fcr 500.<\/p>\n<p>Sorger stockt kurz in ihrem Bar-Sessel, erz\u00e4hlt dann vom Besuch ihres Leipziger Ex-Chefs. Der damals nachf\u00fchlen konnte, was in ihr vorging. Vier seiner S\u00f6hne sa\u00dfen ebenfalls wegen Republikflucht. Vor der Verhaftung machte Sorger gerade Karriere in der Wissenschaft. Als sie ihren Mentor hinter einer Glasscheibe in Hoheneck wiedersieht, hat er ihre gerade ver\u00f6ffentlichte letzte Uni-Arbeit dabei. &#8222;Er wollte mir Mut machen, und ich habe geheult&#8220;, sagt sie heute. &#8222;Ich dachte damals, was f\u00fcr ein Unterschied zwischen der Verfasserin dieser Arbeit und der Frau, die im Knast im Drei-Schicht-System t\u00e4glich Gummir\u00e4nder an 460 Paar halterlose Str\u00fcmpfe n\u00e4hen muss&#8220;, sagt sie mit leiser Stimme und macht eine Pause, als m\u00fcsste sie die Situation noch einmal verdauen. Es ist zwei Uhr morgens. Nur noch eine Handvoll G\u00e4ste sind in der Bar. Die Salzstangen hat Sorger seit Stunden nicht anger\u00fchrt, gestattet sich nur hin und wieder einen Schluck Wasser.<\/p>\n<p>Karin Sorger h\u00e4tte im Westen aufwachsen k\u00f6nnen. Die Mutter stammt aus Hessen, gibt das Kind aber in Magdeburg zur Adoption frei. Mit sieben merkt die Kleine, dass etwas anders ist, Kinder h\u00e4nseln sie auf der Stra\u00dfe. Sie findet einen Ahnenpass und erz\u00e4hlt nichts davon. &#8222;Ich habe sie geliebt, auch wenn sie nicht meine richtigen Eltern waren.&#8220; Die Adoptivmutter stirbt, als Sorger zehn ist. Der Vater erzieht liberal, will eine freiheitlich denkende Tochter. Nach dem Abitur mit Auszeichnung darf Sorger studieren, obwohl sie Unternehmerkind ist. &#8222;In der Schule war ich \u00fcberzeugt, dass wir in der DDR etwas Neues aufbauen, beeinflusst von Legenden.&#8220; Wie der von Adolf Hennecke, der fast das Vierfache der \u00fcblichen Tagesnorm an Steinkohle in einer Schicht f\u00f6rderte. &#8222;Arbeitern soll es gut gehen, das denke ich bis heute.&#8220;<\/p>\n<p>Die Praxis schleift die Ideale. Die erste Zeit des Medizinstudiums an der Uni Leipzig verbringt sie bei Arbeitseins\u00e4tzen. Braunkohle auf R\u00fcttelb\u00e4ndern sortieren, von denen ungefiltert Dreck aufsteigt. Die privilegierten Studenten sollen die Produktion kennen. Auch zur Ernte m\u00fcssen sie ran. In der Uni geht es immer auch um Marx und Engels. Sorger bewohnt ein Zimmer im Leipziger Waldstra\u00dfenviertel. Den Wirtsleuten geh\u00f6rt ein Kunstsalon an der Oper. 1961 herrscht an einem Fr\u00fchlingstag pl\u00f6tzlich Aufruhr. Der Vermieter soll von der Stasi abgeholt werden. Die Familie packt das N\u00f6tigste, flieht nach Westberlin. Kurz darauf mauert sich die DDR ein. Sorger erlebt den 13. August 1961 fassungslos vor dem Kofferradio auf einem Campingplatz in Mecklenburg. An der Uni gibt es pl\u00f6tzlich intensiven Politunterricht. Vor der Abschottung der DDR war sie ab und an auf dem Kurf\u00fcrstendamm, im Kino oder Schuhe kaufen, die es f\u00fcr ihre F\u00fc\u00dfe, Gr\u00f6\u00dfe 42, im Arbeiter- und Bauernstaat nicht gab.<\/p>\n<p>Gut 15 Jahre sp\u00e4ter habe die Stasi gefragt: &#8222;Wann haben wir Sie eigentlich verloren?&#8220; Am Tag des Mauerbaus. &#8222;Bis dahin war ich freiwillig geblieben, eingesperrt sein wollte ich nicht.&#8220; Sorger richtet sich kerzengerade in ihrem Bar-Sessel auf. Das m\u00e4dchenhafte L\u00e4cheln ist aus ihrem Gesicht verschwunden. Die Lust zum Widerspruch blitzt aus den Augen. Sie wollte eigentlich gar kein Buch schreiben, weil es schon so vieles zu Hoheneck gibt. Aber Sorger f\u00fcrchtet, dass vieles in der R\u00fcckschau nicht mehr wahrgenommen wird. Dagegen stemmt sie sich, auch in dieser Nacht an der Dresdner Hotelbar. Deshalb geht sie als Zeitzeugin in Schulklassen.<\/p>\n<p>Examen, Promotion, Assistentenstelle an der Uni Leipzig, Hochzeit: F\u00fcr ein paar Jahre arrangiert sich Sorger mit der DDR. 1968 kommt Tochter Natalie zur Welt. Kurz davor wird der Prager Fr\u00fchling von Ostblock-Truppen niedergeschlagen. Staatliche Propaganda nervt sie immer mehr. Sorger singt weinend mit, wenn in der Oper &#8222;Nabucco&#8220; der &#8222;Freiheitschor&#8220; erklingt, h\u00f6rt von Kollegen, denen auf abenteuerliche Weise die Flucht gelingt.<\/p>\n<p>1972 kommt die Scheidung. Danach denkt sie immer \u00f6fter an Flucht. &#8222;Mir war klar, wenn ich das Leben meiner Tochter und meins \u00e4ndern will, muss ich es selbst in die Hand nehmen.&#8220; Sie versucht, Zimmer zur Messe zu vermieten, in der Hoffnung, dass sie ein Westler rausholt &#8211; egal ob mit gef\u00e4lschtem Pass oder fiktiver Heirat. Dann trifft sie auf einen Kollegen, der mit einem Schleuser-Lkw fliehen will. Im Fr\u00fchjahr 1976 wird sie ins Dekanat der Uni bestellt. Die Stasi will verst\u00e4rkt \u00c4rzte als Inoffizielle Mitarbeiter anwerben. &#8222;Ich hab nein gesagt, weil mein Vater mir immer gesagt hatte: Mach nie bei einem Geheimdienst mit&#8220;, sagt Sorger und gie\u00dft sich Wasser ein. Seit Stunden spricht sie \u00fcber ihr Leben in der DDR, aber von M\u00fcdigkeit ist nichts zu sp\u00fcren. Die Details, die Leidenschaft, Lachen und Traurigkeit. Als w\u00e4re sie immer noch mittendrin.<\/p>\n<p>In Hoheneck hofft Karin Sorger, dass sie in den Westen entlassen wird. Die Stasi startet einen letzten Versuch, bietet ihr an, dass sie wieder in ihrem Beruf arbeiten kann, wenn sie bleibt. An einem kalten Morgen Ende September 1977 wird beim Fr\u00fchst\u00fcck pl\u00f6tzlich ihr Name aufgerufen. Im Speisesaal herrscht Totenstille, die Blicke der Mith\u00e4ftlinge folgen ihr beim Gehen. In einem Verwahrraum trennt sie private Dinge von Anstaltssachen. Vorher hatte sie geh\u00f6rt, dass dies bei Entlassungen \u00fcblich sei, will es aber nicht glauben. Mit einem Bus geht es schlie\u00dflich ins Gef\u00e4ngnis Chemnitz-Ka\u00dfberg &#8211; bis 1989 die Drehscheibe f\u00fcr den H\u00e4ftlingsfreikauf durch die BRD. Von 1962 bis zum Ende der DDR war es f\u00fcr \u00fcber 30 000 Menschen das Tor in die Freiheit. Der Menschenhandel sp\u00fclte am Ende mehr als drei Milliarden D-Mark in die Kassen der SED-Diktatur.<\/p>\n<p>Gut zwei Wochen verbringe man am Ka\u00dfberg, bis man freigelassen wird, hie\u00df es in Hoheneck. &#8222;Das Essen war besser, damit man im Westen optisch nicht ganz so kaputt ankam&#8220;, sagt sie. Woche um Woche vergeht. Ein letztes Gespr\u00e4ch mit der Stasi . Karin Sorger soll einen Ausreiseantrag ausf\u00fcllen. &#8222;Sie k\u00f6nnen gehen, aber das Kind bleibt hier.&#8220; Der Gef\u00e4ngnisaufenthalt hat sie abgeh\u00e4rtet, sagt sie heute. Das habe ihr Kraft f\u00fcr die Antwort gegeben; &#8222;Mein Kind kommt mit.&#8220; Nur widerwillig habe der Stasi-Mann den zweiten Antrag \u00fcber den Tisch geschoben. Eine Garantie war das nicht.<\/p>\n<p>Die letzten Stunden in der DDR wartet Sorger in einem Bus mit Ostberliner Nummernschild. Der Rechtsanwalt und Unterh\u00e4ndler Wolfgang Vogel, teurer Anzug, Goldrandbrille, ist da, warnt davor, mit der Westpresse zu reden, sonst d\u00fcrften die Kinder der Freigekauften nicht ausreisen. Vogel verliest eine Liste mit Kindernamen, die &#8222;auf dem Verhandlungsweg&#8220; nachkommen sollen. Sorgers Tochter Natalie ist darunter. Erleichterung. Vogels Mercedes voran, rollt der Konvoi mit zwei Bussen zur Grenze, passiert sie ohne jede Kontrolle. &#8222;Wie im Krimi haben sich nach der Grenze die Nummernschilder gedreht und hatten pl\u00f6tzlich Gie\u00dfener Kennzeichen.&#8220;<\/p>\n<p>Vier Monate sp\u00e4ter kann Karin Sorger ihre Tochter abholen, muss daf\u00fcr pers\u00f6nlich im Leipziger Rathaus erscheinen. Mit dem Nachtzug kommt sie in der Stadt an, die sie zuletzt in Handschellen sah. Mutter und Tochter liegen sich weinend in den Armen, bevor es zur\u00fcckgeht in die Freiheit. Als Alleinerziehende und Wissenschaftlerin f\u00e4ngt Karin Sorger im Westen ganz von vorn an. Im Vergleich zu ihrem Leben in der DDR muss sie sich nun gegen eine m\u00e4nnerdominiertere \u00c4rztewelt durchsetzen. 1987 wird sie zur Professorin ernannt, sp\u00e4ter Chef\u00e4rztin im schw\u00e4bischen G\u00f6ppingen. Erst zum Ende der DDR-Zeit besucht sie erstmals wieder die Heimat, trifft Ex-Mann und Studienkollegen, feiert mit Freunden Silvester.<\/p>\n<p>Der Barkeeper hat schon die ersten St\u00fchle hochgestellt, als Sorger auf die Uhr guckt. Sie k\u00f6nnte noch weiterreden, bis die Sonne wieder aufgeht. Der Ernst ist aus ihrem Gesicht gewichen, das m\u00e4dchenhafte L\u00e4cheln ist wieder da. K\u00f6nnte sie ihr Leben noch einmal leben, es w\u00fcrde wohl genauso verlaufen, sagt sie mit leiser Stimme. Sorger hat ihren Frieden gemacht. Mit Ihrer Vergangenheit, der Stasi und der DDR, die niemanden rauslassen wollte.<\/p>\n<p>Davon hat sie erst vor ein paar Tagen im Frauen-Klub ihrer Walheimat Baden-Baden erz\u00e4hlt und vom &#8222;Kampf gegen das Vergessen&#8220;. Es ist eine Mission gegen die Verkl\u00e4rung der Geschichte. Weil die Freiheit f\u00fcr Karin Sorger nie ganz selbstverst\u00e4ndlich geworden ist, sondern etwas, worum gek\u00e4mpft werden muss &#8211; gerade heute und ganz ohne Hass.<\/p>\n<p>&#8222;Das Geheimnis des Gl\u00fccks ist die Freiheit&#8220; von Karin Sorger ist unter der ISBN-Nummer 978-3-86933-151-5 im Helios Verlag erschienen und kostet 18 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 05.01.2017 Das Gl\u00fcck Freiheit Sie ertrug Stasi-Verh\u00f6re, sa\u00df im ber\u00fcchtigten Knast von Hoheneck und machte im Westen Karriere. Jetzt k\u00e4mpft Karin Sorger gegen das Vergessen von Unrecht. Von Tobias Wolf (Text) und Sven Ellger (Foto) Die KZ-Aufseherinnen kann Karin Sorger nicht vergessen. 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