{"id":552,"date":"2017-07-13T16:20:48","date_gmt":"2017-07-13T14:20:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=552"},"modified":"2021-12-18T19:59:14","modified_gmt":"2021-12-18T17:59:14","slug":"erste-hilfe-fuer-die-seele-saechsische-zeitung-seite-3-13-07-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=552","title":{"rendered":"\u201eErste Hilfe f\u00fcr die Seele\u201c &#8211; Psychologische Krisenintervention nach einem Busungl\u00fcck, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 13.07.2017"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 13.07.2017<\/p>\n<h1>Erste Hilfe f\u00fcr die Seele<\/h1>\n<h4>Der Tod kommt oft unerwartet. Ein Schock f\u00fcr die Hinterbliebenen. Eine junge Frau aus der Lausitz, versucht zu tr\u00f6sten. So wie nach dem Busunfall auf der A 9 vergangene Woche.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf (Text) und Uwe S\u00f6der (Foto)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-553\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg-150x150.jpg\" alt=\"2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-13-ErsteHilfef\u00fcrdieSeele-M\u00fcnchberg-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Der unbeschwerte freie Tag endet, als das Handy piept. Eine SMS. Sandra Ebermann ahnt, dass die Mitteilung etwas mit den Nachrichten zu tun haben k\u00f6nnte. Seit \u00fcber einer Stunde flimmern Bilder eines brennenden Reisebusses auf der Autobahn 9 in Bayern \u00fcber die Bildschirme. Die Verkehrsmeldungen im Radio warnen vor einem Stau. Von Bergungsarbeiten nach einem schweren Unfall ist die Rede. 18 Menschen werden das Busungl\u00fcck bei M\u00fcnchberg in Oberfranken nicht \u00fcberleben. Als die SMS der G\u00f6rlitzer Landkreisverwaltung am Montagvormittag voriger Woche eingeht, ist nur klar: Ein Teil der Toten stammt aus Sachsen. Sandra Ebermann soll sich bereithalten. Es ist eine Vorwarnung, dass die Notfallseelsorgerin aus Ebersbach-Neugersdorf vielleicht irgendwann im Laufe des Tages Todesnachrichten \u00fcberbringen und Angeh\u00f6rige tr\u00f6sten muss. Erste Hilfe leisten f\u00fcr die Seele.<\/p>\n<p>&#8222;Nach so einer SMS stehe ich immer unter Strom&#8220;, sagt die 31-J\u00e4hrige. &#8222;Man wei\u00df ja nie, was einen erwartet.&#8220; Wer sind die Angeh\u00f6rigen? Wie reagieren sie auf die Nachricht, dass ein lieber Mensch nicht mehr nach Hause kommen wird? Sind sie apathisch, aggressiv, fangen an zu weinen? &#8222;Die Menschen werden pl\u00f6tzlich aus der Normalit\u00e4t gerissen, sind vielleicht rat- und hilflos, machen sich heftige Vorw\u00fcrfe oder verlieren den Lebensmut.&#8220; Momente, die jeden treffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Busunfall liegt schon ein paar Tage zur\u00fcck, als Sandra Ebermann von ihrem Einsatz erz\u00e4hlt. Sie sitzt vor einem Caf\u00e9 an einer Ausfallstra\u00dfe im Bautzner S\u00fcden, vor sich einen Latte Macchiato. \u00dcber dem Stuhl h\u00e4ngt die rote Jacke mit der Aufschrift Kriseninterventionsteam. &#8222;H\u00e4tte mich mit 16 einer gefragt, ob ich mal so etwas mache, h\u00e4tte ich Nein gesagt, auch weil ich selbst sensibel und nah am Wasser gebaut bin&#8220;, sagt die junge Frau. &#8222;Aber es geht, weil ich die Menschen nicht kenne.&#8220; Aus Selbstschutz muss sie ihre eigenen Gef\u00fchle au\u00dfen vor lassen. Mitgef\u00fchl zeigen darf und soll sie aber dennoch. W\u00fcrde sie die Person kennen, w\u00e4re der Fall allerdings tabu.<\/p>\n<p>150 Ehrenamtliche sind f\u00fcr das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Sachsen in der psychosozialen Notfallversorgung im Einsatz, die sich in einer Art Erste Hilfe f\u00fcr die Seele etwa um die Hinterbliebenen von Unfalltoten oder Gewaltopfern k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>An jenem Montag wollte Ebermann in aller Ruhe mit ihrem Mann shoppen gehen. Er arbeitet nachts, die wenige gemeinsame Zeit ist kostbar. Aber nach der SMS stellt sie sich immer wieder die gleiche bange Frage: Kommt da jetzt was oder nicht? Das Paar f\u00e4hrt heim, holt den gemeinsamen Sohn ab und verbringt den Nachmittag im Garten mit Spielen und Rasenm\u00e4hen. Derweil sickern immer mehr Informationen aus Bayern durch. Mehr als acht Stunden nach der Vorwarnung wird es ernst. Ebermann bekommt einen Anruf. Die Details kennt sie l\u00e4ngst aus den Nachrichten. Sie soll Polizisten unterst\u00fctzen, wenn die Hausbesuche bei Angeh\u00f6rigen machen. Treff ist in Seifhennersdorf, ein paar Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt. Polizisten, Kriminaltechniker, Notfallseelsorger.<\/p>\n<p>Es gibt eine Vorbesprechung. Wer f\u00e4hrt wohin? Was kann zu diesem Zeitpunkt sicher gesagt werden, was auf keinen Fall? Nicht zu negativ, aber auch nicht zu positiv. Ein Spagat. &#8222;Man muss sehr vorsichtig sein, darf nichts versprechen&#8220;, sagt Sandra Ebermann. &#8222;Wir geben auch keine Hoffnung.&#8220; Die Notfallseelsorger des DRK kommen nur einmal. Sie tr\u00f6sten, geben Tipps, wie es weitergeht, Telefonnummern von Vereinen und Psychologen. Alles was Menschen in einer niederschmetternden Situation brauchen k\u00f6nnten. &#8222;Ihr soziales Netzwerk wie Freunde und Familie m\u00fcssen die Angeh\u00f6rigen aber selbst aktivieren, durch einen Anruf, im Idealfall noch in meinem Beisein&#8220;, sagt die Seelsorgerin.<\/p>\n<p>21 Uhr. Ebermann, ein Kollege und zwei Polizisten stehen vor dem Haus der Familie und beobachten. Ist es ruhig? Spielt sich drinnen etwas ab? Erst dann klingeln sie. Die Kriminalisten zeigen ihre Ausweise. &#8222;Wir h\u00e4tten ein paar Fragen.&#8220; Zur Identit\u00e4t eines verstorbenen Unfallopfers aus dem Bus. Ebermann beobachtet. Sie muss schnell einsch\u00e4tzen, wie die Reaktion sein k\u00f6nnte. Man m\u00fcsse sehr vorsichtig sein. Erst zuh\u00f6ren, dann reden. Manchmal hei\u00dft es schon an der T\u00fcr: &#8222;Ihr braucht nicht reinkommen.&#8220; Dann m\u00fcssen die Polizisten alleine rein.<\/p>\n<p>Nachrichten, Anrufe bei der Polizei &#8211; die betroffene Familie, ein Paar um die 50 und die Frau des Toten, wei\u00df an diesem Montagabend l\u00e4ngst Bescheid. &#8222;Sie haben gefasst gewirkt und konnten mit der Situation umgehen&#8220;, sagt Ebermann. Die Familie habe erz\u00e4hlt, dass der betagte Vater allein an den Gardasee wollte. Die Polizisten bitten um pers\u00f6nliche Dinge. Haarb\u00fcrste, Unterw\u00e4sche, Zahnb\u00fcrste. M\u00f6glichst viele verschiedene Gegenst\u00e4nde, um DNA-Spuren zu ermitteln und damit die sterblichen \u00dcberreste zweifelsfrei zuordnen zu k\u00f6nnen. &#8222;Wir haben eine Art Aufgabenteilung&#8220;, sagt Ebermann. &#8222;Die Polizisten sind die B\u00f6sen, weil sie die schlimme Nachricht \u00fcberbringen, wir die Guten, weil wir tr\u00f6sten.&#8220; W\u00e4hrend ihr Kollege die Beamten bei der Proben-Entnahme begleitet, setzt sich die junge Frau zu den Angeh\u00f6rigen ins Wohnzimmer. Die gewohnte Atmosph\u00e4re ist wichtig, der kleine Tisch, die Couch. Es soll ein Schutzraum sein. Ebermann hat dann auch gegen\u00fcber den Kriminalisten das letzte Wort. Sind die Hinterbliebenen \u00fcberfordert, versucht sie, die Menschen aus der Situation herauszunehmen, macht eine Pause. Als Notfallseelsorgerin muss sie immer den Blick daf\u00fcr haben.<\/p>\n<p>Inzwischen r\u00fchrt Sandra Ebermann in ihrem l\u00e4ngst erkalteten Kaffee. Durch die rechteckige randlose Brille mit den kleinen Glitzersteinchen geht der Blick auf die Hauptstra\u00dfe, auf die bunte Blumenwiese dahinter, in den blauen Himmel hinein. Ein Rettungswagen f\u00e4hrt mit Blaulicht vorbei. Ein allt\u00e4glicher Anblick f\u00fcr Ebermann, die in der Notaufnahme des Klinikums Oberlausitzer Bergland in Ebersbach arbeitet. In ein paar Stunden beginnt dort ihre Schicht. Die Notlagen von Hinterbliebenen sind ihr privates Thema. Notfallseelsorge und Notf\u00e4lle im Krankenhaus haben sie ver\u00e4ndert, sagt sie. Das Leben hat einen anderen Wert. Sie liebt die kleinen Dinge, Humor, die Freuden des Alltags, f\u00fcr die man dankbar sein m\u00fcsse. Gesundheit, Liebe, Partnerschaft. Das gibt Halt.<\/p>\n<p>Sandra Ebermann hat Rituale gefunden, die sie durch Situationen tragen, die die meisten Menschen wohl nicht einmal ertragen k\u00f6nnten. &#8222;Mein Partner spielt eine sehr gro\u00dfe Rolle&#8220;, sagt sie. &#8222;Mir ist wichtig, dass wir uns abends im Bett sagen: Ich liebe dich, es ist alles in Ordnung.&#8220; Liebevoller Umgang bedeute ihr mehr als fr\u00fcher. Dass ihr Mann nachfragt, wie es ihr geht, sie von ihm wissen will, wie der Tag war. Dass man fr\u00fch ohne Streit aus dem Haus geht. &#8222;Ohne ihn k\u00f6nnte ich all das nicht durchstehen.&#8220; \u00dcberhaupt die Familie. Die Eltern, die den Kleinen nehmen, wenn wieder pl\u00f6tzlich ein Einsatz ansteht.<\/p>\n<p>Ebermann sagt, sie trenne das Ehrenamt als Notfallseelsorgerin konsequent von allem anderen, w\u00fcrde auch nie in Dienstkleidung in ihre Wohnung gehen. Aus Prinzip. &#8222;Ich muss mich sch\u00fctzen.&#8220; Es sind zwei Sph\u00e4ren, die sich zwar nicht \u00fcberschneiden aber doch ber\u00fchren. &#8222;Die Angst um die Familie ist durch meine Erfahrungen st\u00e4rker geworden, auch um unser Kind &#8211; mehr, als ich es mir vorstellen konnte.&#8220; Das wirke sich auf die Erziehung aus. &#8222;Wenn wir unterwegs sind, sage ich: Bleib auf der Seite, geh mit der Mama, damit nichts passiert.&#8220; Deshalb sind Kinder eine Grenze, vor allem die kleinen. &#8222;Wenn Kinder die Opfer sind, lehne ich den Einsatz ab, das kann ich einfach nicht.&#8220; Sie h\u00e4tte wohl immer ihren Dreij\u00e4hrigen vor Augen.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig tr\u00f6stet Ebermann auch Angeh\u00f6rige nach dem Suizid eines geliebten Menschen. Wie j\u00fcngst einen jungen Vater und seine beiden Kinder, sieben und elf Jahre alt. Die Mutter der beiden hatte sich das Leben genommen. Als Ebermann zu der Familie kommt, ist die Verstorbene noch im Haus. Dann ist Fingerspitzengef\u00fchl gefragt. &#8222;Wenn die Kripo da ist, schaue ich mir das Opfer an und sch\u00e4tze ein, ob es die Angeh\u00f6rigen noch einmal sehen k\u00f6nnen, weil das Abschiednehmen sehr wichtig ist.&#8220; Das sei auch bei dem Suizid so gewesen. Von einem Kerzenmeer umrahmt sei die Tote gewesen. &#8222;Ich wollte, dass die Kinder sich von ihrer jungen Mutti verabschieden k\u00f6nnen.&#8220; Ein Fall, der Ebermann immer noch nahegeht. &#8222;In manchen F\u00e4llen sage ich der Familie aber auch: Behalten Sie den Menschen so in Erinnerung, wie sie ihn kennen, nehmen sie Fotos.&#8220;<\/p>\n<p>Wie nach dem Busunfall auf der A9. Im Wohnzimmer der Familie sei es ganz ruhig gewesen. Bis nachts halb zw\u00f6lf war Sandra Ebermann vor Ort. Erst dann hatte sie das Gef\u00fchl, gehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Oft stellten Angeh\u00f6rige die Frage nach dem Warum. Warum musste ein lieber Mensch sterben? &#8222;Das lassen wir einfach im Raum stehen, weil das niemand beantworten kann&#8220;, sagt Sandra Ebermann. &#8222;Manchmal ist es schwerer, die Situation auszuhalten und nichts zu sagen als etwas zu sagen.&#8220; Auch die Notfallseelsorger m\u00fcssen am Ende verarbeiten, was sie erleben. &#8222;Ich setze mich nach solchen Eins\u00e4tzen ins Auto und dreh die Musik ganz laut, das hilft mir.&#8220; Und die Nachbesprechung mit Kollegen. Auch ein Ritual, das die eigene Seele sch\u00fctzen soll. &#8222;Wir sagen uns: Es ist wichtig, dass es uns gibt, dass wir da sind, um Menschen wieder zu ersten Alltagshandlungen zu animieren und ins normale Leben zu bringen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 13.07.2017 Erste Hilfe f\u00fcr die Seele Der Tod kommt oft unerwartet. Ein Schock f\u00fcr die Hinterbliebenen. Eine junge Frau aus der Lausitz, versucht zu tr\u00f6sten. 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