{"id":556,"date":"2017-06-24T16:24:47","date_gmt":"2017-06-24T14:24:47","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=556"},"modified":"2021-12-18T19:58:05","modified_gmt":"2021-12-18T17:58:05","slug":"wenn-die-schalmei-verstummt-saechsische-zeitung-seite-3-24-06-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=556","title":{"rendered":"\u201eWenn die Schalmei verstummt\u201c &#8211; Rassistische Gewalt beim Sonnenwendfest, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 24.06.2017"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 24.06.2017<\/p>\n<h1>Wenn die Schalmei verstummt<\/h1>\n<h4>Zeugen erinnern sich nicht, Angeklagte schweigen, die Polizei steht in der Kritik. Die rassistische Gewalt beim Sonnenwendfest 2016 h\u00e4lt Polenz bis heute in Atem.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf und Alexander Schneider<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-06-24-Polenz-Wenn-die-Schalmei-verstummt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-554\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-06-24-Polenz-Wenn-die-Schalmei-verstummt-150x150.jpg\" alt=\"2017-06-24-Polenz-Wenn die Schalmei verstummt\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-06-24-Polenz-Wenn-die-Schalmei-verstummt-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-06-24-Polenz-Wenn-die-Schalmei-verstummt-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-06-24-Polenz-Wenn-die-Schalmei-verstummt-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-06-24-Polenz-Wenn-die-Schalmei-verstummt-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-06-24-Polenz-Wenn-die-Schalmei-verstummt-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Wind pfeift \u00fcber den Schotterplatz am Rand von Polenz. Hier stand das Festzelt, in dem 25 Jahre lang das \u00f6rtliche Schalmeienorchester zur Sommersonnenwende aufspielte. In der Ecke der Bierwagen, der Grill f\u00fcr Bratw\u00fcrste und Schaschliks, dahinter der Holzhaufen f\u00fcr das Feuer. Daneben war die Blutlache, die niemand gesehen haben will und dann von der Freiwilligen Feuerwehr beseitigt wurde. An diesem Samstag wird der Platz leer bleiben. Das Fest der Schalmei, wie sie hier sagen, ist abgesagt, wird wohl nie wieder stattfinden. Weil es im letzten Jahr zu einer Gewaltorgie kam. Neonazis aus der Region sollen am 18. Juni 2016 gezielt Ausl\u00e4nder verjagt und auf zwei Bulgaren und einen Deutschen eingepr\u00fcgelt haben, der offenbar nur wegen seines Spitznamens &#8222;der Rum\u00e4ne&#8220; zum Angriffsziel geworden war. &#8222;Schei\u00df-Asylanten&#8220;, &#8222;Islamistenschwein&#8220;, &#8222;Drecksau&#8220; sollen sie gerufen haben, und: &#8222;Wenn Merkel dieses Volk reinholt, m\u00fcssen wir es eben &#8218;rauspr\u00fcgeln!&#8220; Ein Bulgare erlitt mehrere Sch\u00e4delbr\u00fcche, weil einer der T\u00e4ter ihm mit einem Bierkrug mehrfach auf den Kopf geschlagen hatte.<\/p>\n<p>Schon seit zwei Monaten versucht das Landgericht Dresden dieses rassistische Fanal aufzukl\u00e4ren, die Umst\u00e4nde der brutalen Angriffe. Drei M\u00e4nner m\u00fcssen sich wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung verantworten. Sebastian K., der mit dem Bierkrug zugeschlagen haben soll, auch wegen versuchten Mordes. Die Schwurgerichtskammer hat gro\u00dfe M\u00fche. Viele Zeugen des gut besuchten Dorffestes k\u00f6nnen sich angeblich nicht erinnern oder wollen nicht. Manche haben Angst. Oft hei\u00dft es: &#8222;Wei\u00df? ich nicht mehr.&#8220; Einige Besucher, auch Musiker und Feuerwehrleute haben teilweise sehr skurrile Zeugenaussagen gemacht.<\/p>\n<p>Ein 30-j\u00e4hriger Bundeswehrsoldat sagt: &#8222;Ich interessiere mich nicht f\u00fcr Menschen&#8220;, er k\u00f6nne sich ja nicht einmal daran erinnern, was er vorgestern gegessen habe. Der Jugendwart der Feuerwehr, damals als Brandwache vor Ort, sagt, er halte sich aus politischen Sachen heraus und fahre sehr gut damit. Ein anderer behauptet, niemand habe sich \u00fcber das eilig abgesetzte Sonnenwendfest unterhalten: &#8222;Einen Dorftratsch gibt es bei uns nicht.&#8220; Andere wollen sich nicht erinnern, dass eine Gruppe, zehn bis 15 Mann, immer wieder &#8222;Sieg Heil&#8220; gerufen habe. Angesichts der ungew\u00f6hnlichen Aussagen sprach Richter Herbert Pr\u00f6ls von einer &#8222;seltsamen, medizinisch nicht erkl\u00e4rbaren Amnesie&#8220;. Er drohte sogar damit, selbst Kinder als Zeugen zu vernehmen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.<\/p>\n<p>In Polenz f\u00fcrchten sie nun, als braunes Dorf gebrandmarkt zu werden. Es geh\u00f6rt zu Neustadt in Sachsen. Bei der letzten Landtagswahl hat in Neustadt jeder F\u00fcnfte rechte Parteien gew\u00e4hlt. Ein NPD-Mann sitzt im Stadtrat. In der Vergangenheit gab es Probleme mit Rechten. Die Vorf\u00e4lle beim Polenzer Fest hat der Verfassungsschutz im Jahresbericht 2016 aufgef\u00fchrt &#8211; als eine von 17 rechtsextremen Gewalttaten im Landkreis. Bis zu 300 Personen geh\u00f6ren dieser Szene an. Das ist \u00fcber dem s\u00e4chsischen Durchschnitt.<\/p>\n<p>Wer nach Polenz reist, sieht ein Bilderbuch-Dorf f\u00fcr 1 300 Bewohner. Der gleichnamige Fluss pl\u00e4tschert durch das Tal, umgeben von gr\u00fcnen H\u00fcgeln. H\u00e4user schmiegen sich an die H\u00e4nge, s\u00e4umen Flusslauf und Stra\u00dfen. Ein Paradies. Man kennt und gr\u00fc\u00dft sich. Ein altes Holzhaus mit Schindeldach f\u00e4llt auf. Wer die Polenztalstra\u00dfe entlang f\u00e4hrt, sieht die schwarz-rot-goldene Fahne davor, auf dem angeschraubten Emailleschild steht &#8222;Deutsche Reichsgrenze&#8220;. Eine Ausnahme, es g\u00e4be hier keine Nazis, hei\u00dft es in Polenz immer wieder.<\/p>\n<p>Mittwochabend. Vor dem Kegelklub stehen drei junge M\u00e4nner. Sie trinken Bier und rauchen. Ein Mann geht vorbei, gr\u00fc\u00dft. &#8222;Ich komme aus Afghanistan, dort ist Krieg.&#8220; Hat er Probleme in Polenz? &#8222;Nein, es ist sch\u00f6n hier.&#8220; Er betont jede Silbe und l\u00e4chelt. Die M\u00e4nner gucken ihm nach. Das Sommerfest l\u00e4sst auch sie nicht los. &#8222;Die Schl\u00e4ger haben schon vorher im Zelt dauernd ,Sieg Heil? gerufen.&#8220; Auch drei Polenzer haben sie in der Gruppe gesehen. Ist das der Grund f\u00fcr die Angst? &#8222;Viele fragen sich, was ist, wenn die nicht verurteilt werden oder wieder rauskommen&#8220;, sagt einer. Klar komme es auf einem Dorffest mal zu Rangeleien, aber so etwas h\u00e4tte es vorher nie gegeben. &#8222;Die kamen von au\u00dferhalb.&#8220;<\/p>\n<p>Udo Bolz* ist Trommler im Orchester und der einzige Zeuge, der sich nach dem Fest selbst bei der Polizei gemeldet hat. &#8222;Die Erinnerungsl\u00fccken von den Leuten vor Gericht finde ich besch\u00e4mend&#8220;, sagt er. Auf die Frage des Richters, wie er sich das Schweigen mancher Polenzer erkl\u00e4re, sagte Bolz: &#8222;Vielleicht sind viele von dem sogenannten Rechtsstaat entt\u00e4uscht worden.&#8220; Der Zeuge sah, wie &#8222;der Rum\u00e4ne&#8220; in das Versorgungszelt fl\u00fcchtete. &#8222;Er hatte panische Angst&#8220;, sagt Bolz. Pl\u00f6tzlich sei der 33-j\u00e4hrige Sebastian K. angeschossen gekommen und habe auf den 28-J\u00e4hrigen eingepr\u00fcgelt. Auch die Mitangeklagten Sebastian S. (24) und Maik R. (38) sind binnen Sekunden in der Ecke des Zeltes. K. habe auf den Mann eingetreten und geschlagen, S. auch. Als einer sagte: &#8222;H\u00f6rt auf, der liegt schon am Boden&#8220;, habe S. den leblosen K\u00f6rper hochgehoben, und K. habe weiter auf ihn eingeschlagen. Bolz sagt, er habe K. den Arm nach hinten verdreht. Die drei seien verschwunden, als die Umstehenden die Polizei alarmiert hatten.<\/p>\n<p>Bolz macht sich Vorw\u00fcrfe. &#8222;Ich h\u00e4tte den ,Rum\u00e4nen? im K\u00fchlwagen verstecken k\u00f6nnen.&#8220; Der 50-J\u00e4hrige, kurze Haare, graues Hemd, Silberkette, sitzt im Garten und z\u00fcndet sich eine Zigarette an. Er erz\u00e4hlt, dass die Schl\u00e4ger schon vor Festbeginn da waren, sich lauthals beschwerten, dass noch nichts los sei. Da kontrollierte Bolz den Holzhaufen f\u00fcr das Feuer. &#8222;Ich hab? gedacht, was sind das f\u00fcr Idioten, aber etwas an ihnen war komisch.&#8220; Die T\u00e4towierungen, das kurz geschnittene Haar, all das habe er registriert. &#8222;Ich hab zu unserem Orchesterchef gesagt, hier k\u00f6nnte es heute Abend knallen.&#8220; Ab 19 Uhr h\u00e4tten sie gespielt, eine Stunde, wie immer. &#8222;Ich finde es besch\u00e4mend, dass keiner der G\u00e4ste nach dem Hitlergru\u00df die Polizei gerufen hat.&#8220; Er sagt, der Orchesterchef habe einer Polizistin noch vor der ersten Schl\u00e4gerei davon berichtet. Es sei aber nichts passiert. Die Beamtin habe dem Mann nur eine Telefonnummer vom Revier Sebnitz gegeben. Heute macht Bolz die Polizei mitverantwortlich f\u00fcr die Gewalt an jenem Abend. &#8222;Die haben v\u00f6llig getrieft.&#8220;<\/p>\n<p>Damit ist er nicht allein. Auch Richter Pr\u00f6ls hat Zweifel daran ge\u00e4u\u00dfert, dass die Beamten vor Ort alles Notwendige veranlasst hatten. So wurde Sebastian K. noch nachts gestellt. Die Beamten nahmen nur die Personalien auf. Weil er einen Alkoholtest verweigerte, schickten sie ihn weg. K. erhielt sogar einen Platzverweis, weil er aggressiv war und nicht gehen wollte. Seine blutverschmierte Kleidung hatte die Polizei nicht interessiert. Pr\u00f6ls sagt, der Einsatzleiter vor Ort h\u00e4tte sich besser mit seinen Kollegen abstimmen m\u00fcssen. Die Polizisten schildern, sie h\u00e4tten einer &#8222;Mauer des Schweigens&#8220; gegen\u00fcbergestanden, erhebliche Probleme gehabt, Zeugen zu finden.<\/p>\n<p>Im Rathaus war man entsetzt. 24 Jahre lang sei alles gut gegangen. Nicht einmal kleine Vorkommnisse habe es in Polenz gegeben, sagt Stadtsprecherin Sarina Mann. Das Dorf ist kein Problem-Ort. Ein Autozulieferer und ein Verpackungshersteller besch\u00e4ftigen zusammen \u00fcber 200 Leute. Es gibt Reste der alten Infrastruktur: B\u00e4ckereicaf\u00e9, Friseur, Blumenladen, das Waldbad, ein Feuerwehrhaus und den Probenraum der Schalmeiengruppe, das einzige Gasthaus &#8222;Erbgericht&#8220;. Der graue Putz stammt aus besseren Tagen. Da war das &#8222;Erbgericht&#8220; noch der Treffpunkt. Hier gab das Orchester sein erstes Konzert. Nun wird es nur noch ein kleines Fest in Polenz geben. Mit der Absage des Sommerfestes ist keiner gl\u00fccklich. &#8222;Das geh\u00f6rt hier dazu, erst Konzert, dann Disco und alle zusammen&#8220;, sagt ein Mann hinter seinem Gartenzaun. Die Schl\u00e4gerei habe alles kaputt gemacht.<\/p>\n<p>* Name von der Redaktion ge\u00e4ndert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 24.06.2017 Wenn die Schalmei verstummt Zeugen erinnern sich nicht, Angeklagte schweigen, die Polizei steht in der Kritik. Die rassistische Gewalt beim Sonnenwendfest 2016 h\u00e4lt Polenz bis heute in Atem. 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