{"id":558,"date":"2017-03-04T16:30:30","date_gmt":"2017-03-04T14:30:30","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=558"},"modified":"2021-12-18T20:23:24","modified_gmt":"2021-12-18T18:23:24","slug":"raus-aus-der-braunen-herde-saechsische-zeitung-seite-3-04-03-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=558","title":{"rendered":"\u201eRaus aus der braunen Herde\u201c &#8211; Ex-Frau von NPD-Bundeschef geht ins Aussteigerprogramm, S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 04.03.2017"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 04.03.2017<\/p>\n<h1>Raus aus der braunen Herde<\/h1>\n<h4>Ex-NPD-Funktion\u00e4rin Jasmin Apfel k\u00e4mpft gegen ihre Vergangenheit &#8211; und f\u00fcr einen neuen Namen ihrer Kinder.<\/h4>\n<p>Von Britta Veltzke und Tobias Wolf<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-04-JasminApfelAussteiger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-559\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-04-JasminApfelAussteiger-150x150.jpg\" alt=\"2017-03-04-JasminApfelAussteiger\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-04-JasminApfelAussteiger-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-04-JasminApfelAussteiger-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-04-JasminApfelAussteiger-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-04-JasminApfelAussteiger-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-04-JasminApfelAussteiger-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Der Wendepunkt liegt in einer alten Kaufhalle: Ein schn\u00f6rkelloser Flachbau. Davor eine verblichene Sitzgruppe aus Beton. Aus den Ritzen zwischen den Steinplatten sprie\u00dft Gras. Die Halme, die aus dem harten Boden ragen, k\u00f6nnten ein Sinnbild f\u00fcr Jasmin Apfels Leben sein. Der Drang, etwas zu durchbrechen, das fast ihr ganzes Erwachsenenleben bestimmte: eine Rechtsextreme zu sein, NPD-Funktion\u00e4rin und erste Hausfrau der Neonaziszene. Jasmin Apfel will all das nicht mehr sein. Und der Anfang vom Ende dieses Lebens liegt hier. Sie l\u00e4chelt, st\u00fctzt sich auf den Holzzaun, als k\u00f6nnte er ihr den Halt geben f\u00fcr das, was nun kommt.<\/p>\n<p>Bis 2012 trafen sich hier Familien zum Spielen, Basteln, Reden. Irgendwann stie\u00df Apfel mit ihren Kindern dazu. &#8222;Ich habe in der Kaufhalle Anschluss gefunden. Man hat mich dort nicht verurteilt, weil ich eine Rechte bin.&#8220; In einem Sozialraum, der der 33-J\u00e4hrigen bis dahin unbekannt war. &#8222;Ich habe dort auch mal andere Meinungen geh\u00f6rt. Wenn man immer nur umgeben ist von Menschen, die das Gleiche denken, dann kommt man nicht zu einer unabh\u00e4ngigen Meinung.&#8220; In der rechten Szene laufe man der Schafsherde hinterher oder man f\u00fchre sie an. Jasmin Apfel hat beides getan.<\/p>\n<p>Schon 2012 hat sie mit ihrer Partei gebrochen, trat aus der NPD aus und legte ihren Posten als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Rings Nationaler Frauen nieder. Als sie noch an die Nazi-Ideologie glaubte, gei\u00dfelte sie ein vermeintlich multikulturelles verzerrtes Familienbild, beschwor die intakte deutsche Familie mit mehreren Kindern als Ideal. Ein Ideal, das sie lebte. Mit ihrem Noch-Ehemann Holger Apfel hat sie vier Kinder. Auch er hat mit seiner Partei gebrochen. Beide miteinander. Die Scheidung soll noch dieses Jahr \u00fcber die B\u00fchne gehen. Noch ein Ende, noch ein Neuanfang.<\/p>\n<p>Nach einer ersten Trennung hatten sie es noch einmal versucht, 2014 ein Lokal am Ballermann auf Mallorca \u00fcbernommen &#8211; &#8222;Maravillas Stube &#8211; bei Jasmin &amp; Holger&#8220;. Schnitzel, Bier und Sangria. &#8222;Das war Holgers Traum.&#8220; Noch im gleichen Jahr ist sie pl\u00f6tzlich wieder zur\u00fcck in Riesa. Die Trennung war letztlich eine Flucht, erz\u00e4hlt sie. &#8222;Wir sind einfach weg. Ich habe die Kinder genommen und bin gegangen. Ich habe ihm das nicht gesagt.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt ist Jasmin Apfel offiziell Aussteigerin und lebt von Hartz-IV. Sie ist Teil eines Programms, das sich der Freistaat rund 260 000 Euro im Jahr kosten l\u00e4sst. Sie ist einer von zehn aktuellen F\u00e4llen. Sie k\u00e4mpft, sagt sie. Gegen die Vergangenheit. F\u00fcr die Kinder. Die gr\u00f6\u00dfte Hypothek sei der Nachname. Die Kinder sollen nicht mehr so hei\u00dfen. &#8222;Apfel, der Name ist verbrannt. Das klingt hart.&#8220; Die Frau mit den schulterlangen, rot gef\u00e4rbten Haaren hat nichts schrilles oder lautes. Nicht einmal, wenn sie etwas besonders betonen will. Kaum vorstellbar, dass die rundliche Dame mit den gem\u00fctlichen Z\u00fcgen einmal den Ring Nationaler Frauen gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Jasmin Apfels Riesaer Anwalt Sebastian Lohse will f\u00fcr die Namens\u00e4nderung der Kinder k\u00e4mpfen. &#8222;Gute Argumente gibt es, insbesondere wegen der Stigmatisierung, die das Kindeswohl beeintr\u00e4chtigen.&#8220;<\/p>\n<p>In der rechten Szene gelandet ist die Norddeutsche 2002. &#8222;Ich war sozial in einer schwierigen Situation. Ich war 19 Jahre alt, schwanger, allein.&#8220; Sie sieht die Armut in den Stra\u00dfen Hannovers, wo sie damals lebt, die Obdachlosen und Junkies, \u00e4rgert sich \u00fcber die deutsche Entwicklungshilfe, findet Zahlungen ans Ausland ungerecht. &#8222;Ich wollte mich dagegen auflehnen.&#8220; Von der NPD f\u00fchlt sie sich angesprochen, meldet sich bei der Partei in Berlin. Kurz darauf gibt es das erste Treffen mit dem Kreisverband Hannover. &#8222;Es war die einzige Partei, die sich explizit auf Deutsche bezogen hat, die ganz klar gemacht hat: Deutsche zuerst, das Geld muss bei uns bleiben&#8220;, sagt sie r\u00fcckblickend. &#8222;Ich war jung, ich war naiv. &#8220; Und sie war willkommen. &#8222;Man war pl\u00f6tzlich wer, man wurde wahrgenommen, wertgesch\u00e4tzt, man wurde gebraucht &#8211; gerade dadurch, dass ich nicht v\u00f6llig auf den Kopf geknallt bin.&#8220;<\/p>\n<p>2004 lernt sie Holger Apfel bei einem Kongress kennen. &#8222;Damit fing der Schlamassel eigentlich erst richtig an.&#8220; Aber sie habe ihn geliebt, aufrichtig. &#8222;Auch, wenn das viele vielleicht nicht glauben k\u00f6nnen.&#8220; Sie habe hinter ihm gestanden. &#8222;Holger sollte zu Hause ein Heim haben, eine Familie, damit er wei\u00df, wof\u00fcr er arbeitet. Ideologisch hatten wir unsere Differenzen. Aber nach au\u00dfen hin stand ich immer hinter ihm.&#8220; Das sei immer noch das, was Familie bedeutet: Zusammenhalt. &#8222;2012 habe ich dann entschieden, dass ich mit dem Holger nicht mehr gl\u00fccklich bin und dass das alles nicht mehr meins ist.&#8220;<\/p>\n<p>Kameradschaft, Hass gegen alles Nichtdeutsche, der verbindet Jasmin Apfel jedoch \u00fcber lange Jahre mit der Neonaziszene: Die Partei wird zum Familienersatz. &#8222;Ich setze mich jetzt gerade damit auseinander, was ich ideologisch zur\u00fccklasse. Warum war sie wie sie war, warum glaubte sie all das, was heute so falsch erscheint? Geheilt sei sie noch lange nicht. &#8222;Aber die Vergangenheit einfach abstreifen, das geht leider nicht.&#8220; So ein Ausstiegsprozess kann lange dauern, sagt ein Insider, der f\u00fcr das staatliche Programm arbeitet. Wie bei dem Ex-NPD-Promi, der seit sechs Jahren dabei ist. Ideologisch sei der Mann schon sehr weit weg vom Rechtsextremismus, habe aber massive psychologische Defizite, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden.<\/p>\n<p>Jasmin Apfel hingegen sei eine reflektierte Frau, so sch\u00e4tzt der Ausstiegshelfer nach dem Gespr\u00e4ch mit ihr ein. &#8222;Wie viele andere auch, hat sie schon auf einem l\u00e4ngeren Weg gemerkt, dass etwas nicht stimmt in ihrem Weltbild.&#8220; Dass alle angeblich gleich sind, und dann doch Einzelne nicht. &#8222;Sie wusste, warum sie unsere Hilfe braucht.&#8220; Um wegzukommen von den Rechten, aber auch um Orientierung zu finden.<\/p>\n<p>Dass sie jetzt wieder in Riesa lebt, hat mit den Kindern zu tun. Eine gewohnte Umgebung, feste Strukturen, bekannte Kitas und Schulen. Deshalb sei sie auch nicht anonym woanders hin gezogen. &#8222;Mit dem Namen Apfel steht man \u00fcberall sofort im Fokus.&#8220;<\/p>\n<p>Auch die Kirche spielt eine Rolle. Ulrich Dombrowski ist Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Barbara. Er wei\u00df um Jasmin Apfel, dass sie gemieden wurde. Als sie im Kinder-Liturgiekreis half oder mit dem Nachwuchs Pl\u00e4tzchen buk. Apfels galten damals als aalglatt und trainiert darin, sich herauszuwinden, wenn kritische Fragen gestellt wurden. &#8222;Sie versucht Halt zu finden, vielleicht auch in der Kirche&#8220;, sagt der 55-J\u00e4hrige. &#8222;Ich hoffe, dass sie diesen Weg gut schafft und ich w\u00fcrde sie dabei unterst\u00fctzen, wenn sie auf mich zukommt.&#8220; Rache alter Kameraden muss sie wohl nicht bef\u00fcrchten. Gerade jetzt mit ihrem Ausstieg aus der Neonazi-Szene an die \u00d6ffentlichkeit zu gehen hat wohl mit dem geplanten Buch ihres Mannes zu tun.<\/p>\n<p>Holger Apfel ist immer noch auf Mallorca. Er will bleiben, komme nur selten nach Riesa, versuche seine Kinder dennoch so oft wie m\u00f6glich zu sehen. &#8222;Aber das ist auf die r\u00e4umliche Entfernung nicht so leicht&#8220;, sagt der 46-J\u00e4hrige am Telefon. Seine Noch-Frau habe einen neuen Lebensgef\u00e4hrten. &#8222;Ich w\u00fcnsche ihr Gl\u00fcck.&#8220; Er habe nicht vor, wie sie ins Ausstiegsprogramm des Freistaats zu gehen, will das aber nicht weiter kommentieren. &#8222;Es ist ihre pers\u00f6nliche Entscheidung.&#8220; Sein Buch &#8222;Irrtum NPD&#8220; soll bald herauskommen. Keine Abrechnung, eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und mit seiner Partei, sagt Apfel.<\/p>\n<p>Er habe die NPD nach \u00f6sterreichischem Vorbild zu einer Art deutscher FP\u00d6 zu machen, sei aber damit gescheitert. Von der Politik habe er sich schon im Januar 2014 verabschiedet. Er wolle niemandem nach dem Munde reden, auch wenn die einen ihn bis heute f\u00fcr den Rechtsradikalen halten, die anderen aber f\u00fcr einen linken Aussteiger. &#8222;Ich bin aber nicht \u00fcber Nacht zum Antifaschisten mutiert, der sagt, alles was ich 25 Jahre lang gemacht habe, war Nonsens.&#8220; Aber es habe eine Entfremdung eingesetzt, die ihn zum R\u00fcckzug bewogen habe. Vom Ausstiegsprogramm h\u00e4lt er nichts. &#8222;Man wechselt nicht so fundamental die Seiten&#8220;, sagt Holger Apfel. An der Ernsthaftigkeit seiner Noch-Ehefrau zweifle er aber nicht.<\/p>\n<p>Die besuchte fr\u00fcher rechte Liederabend und Nazidemos. Heute trifft sie sich mit ihren muslimischen Nachbarn zum Tee und hilft bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen und Arztbesuchen. &#8222;Er ist schon l\u00e4nger da. Sie durfte jetzt nachkommen, aus Damaskus, Syrien.&#8220; Aber das Paar wolle weg aus Riesa, weg aus Sachsen. &#8222;Es ist ihnen zu ausl\u00e4nderfeindlich hier. Sie sagen, dass ich die einzig nette Person sei. Ausgerechnet ich. Ist das nicht ironisch?&#8220;<\/p>\n<p>Mitarbeit: Gunnar Saft<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 04.03.2017 Raus aus der braunen Herde Ex-NPD-Funktion\u00e4rin Jasmin Apfel k\u00e4mpft gegen ihre Vergangenheit &#8211; und f\u00fcr einen neuen Namen ihrer Kinder. Von Britta Veltzke und Tobias Wolf Der Wendepunkt liegt in einer alten Kaufhalle: Ein schn\u00f6rkelloser Flachbau. Davor eine verblichene Sitzgruppe aus Beton. Aus den Ritzen zwischen den Steinplatten sprie\u00dft Gras. 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