{"id":567,"date":"2017-03-31T16:47:42","date_gmt":"2017-03-31T14:47:42","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=567"},"modified":"2021-12-18T20:01:28","modified_gmt":"2021-12-18T18:01:28","slug":"ausgeliefert-saechsische-zeitung-seite-3-31-03-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=567","title":{"rendered":"\u201eAusgeliefert\u201c &#8211; Wie ein Junge sexuellen Missbrauch bei der Kinder-Eisenbahn \u00fcberlebte, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 31.03.2017"},"content":{"rendered":"<p>\u201eAusgeliefert\u201c, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 31.03.2017<\/p>\n<h1>Ausgeliefert<\/h1>\n<h4>Er war neun, als es losging. Der Junge bewunderte den Mann, der ihn bei der Dresdner Parkeisenbahn ausbildete. Doch dann wollte sein Idol mehr und missbrauchte ihn \u00fcber Jahre. Heute ist er 17 und kann endlich dar\u00fcber reden.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf (Text) und Robert Michael (Foto)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-568\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn-150x150.jpg\" alt=\"2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-03-31-Ausgeliefert-Parkeisenbahn-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Es sind diese Ber\u00fchrungen, die Henry L.* zittern lassen. Einfach so. Immer wieder. Beiseite schieben geht nicht, er hat es versucht. Es sind Ber\u00fchrungen, die er niemals wollte. Die Erinnerung daran packt den heute 17-J\u00e4hrigen, wenn er im Bett liegt. Wenn er einen Deutschtest in der Schule schreibt. Dabei w\u00fcrde Henry das alles am liebsten aus seiner Seele streichen, trennen von all dem Positiven, das er bei der Dresdner Park-eisenbahn erlebt hat.<\/p>\n<p>Henry ist sexuell missbraucht worden. Von Tilo H., seinem Idol, Freund und Ausbilder. H. war 38 Jahre alt, als er sich im Mai 2016 umbrachte &#8211; nachdem der Junge zur Polizei gegangen war und die Parkbahn ihn suspendiert hatte. Wenn Henry \u00fcber Tilo H. spricht, sagt er &#8222;T.&#8220;. Das bringt ein bisschen Distanz. Henry aber will reden, weil kein Kind bei der Parkeisenbahn mehr erleiden soll, was er erlebte. Weil die Verantwortlichen der zust\u00e4ndigen Schl\u00f6sserverwaltung nicht einfach zur Tagesordnung \u00fcbergehen sollen. Henry macht sich Vorw\u00fcrfe, weil sein Peiniger sich das Leben nahm. Auch etwas, das vielleicht nie wieder weggeht. Bisher hat er sich nur Psychologen ge\u00f6ffnet. F\u00fcr das Gespr\u00e4ch nun hat sich Henry mit Kakao, Cola und ein paar Packungen Schokolade gewappnet. Er r\u00fchrt in der Tasse. Wo soll er anfangen? &#8222;K\u00f6nnen Sie mir nicht die Fragen stellen?&#8220;<\/p>\n<p>Es begann 2009. Henry war damals neun und nahm mit neun weiteren Kindern an einer Art Schnupperf\u00fchrung von Tilo H. im Gro\u00dfen Garten teil: Dampfloks, Uniformen, Waggons . Ein Paradies f\u00fcr kleine M\u00f6chtegern-Lokf\u00fchrer. Tilo H. ist zu dieser Zeit die wichtigste Person bei der Parkeisenbahn. Formal nicht angestellt, verbringt aber dort seine komplette Freizeit. Er sucht selbst in Schulen Kinder aus, die er dann ausbildet. Tilo H. ist beliebt, genie\u00dft das Vertrauen von Eltern und Mitarbeitern. Bei Auftritten auf Bahnfesten und in Kinderg\u00e4rten schl\u00fcpft er in das Kost\u00fcm des Parkbahn-Maskottchens &#8222;Parkolino&#8220;.<\/p>\n<p>Henrys Vater Martin L.* sagt, nach der F\u00fchrung sei sein Sohn &#8222;mit leuchtenden Augen nach Hause gekommen. Er hatte ein neues Hobby gefunden&#8220;. Der Sohn geht einmal die Woche hin, sp\u00e4ter \u00f6fter. Henry wird zum Liebling von Tilo H. &#8222;Lieblingskind&#8220; oder &#8222;Tilo-Kind&#8220; sind feststehende Begriffe bei der Parkeisenbahn. Manche nennen sich noch heute so.<\/p>\n<p>H. schuf N\u00e4he, Vertrauen, Abh\u00e4ngigkeiten. Durch Verg\u00fcnstigungen, Geheimnisse, Geschenke. Ein St\u00fcck Kuchen, dass andere Kinder nicht bekommen, ein Ausflug, zu dem nur bestimmte Jungs eingeladen werden, oder besondere F\u00f6rderung . Sein Ziel: Jungen so weit zu kriegen, dass sie \u00dcbergriffe nicht mehr infrage stellen.<\/p>\n<p>&#8222;Es fing mit Umarmungen an, da war ich elf &#8222;, sagt Henry. Immer in der Modellbahnanlage in der Innenstadt. Das Geb\u00e4ude geh\u00f6rt der Schl\u00f6sserverwaltung. Mit dem Jungen putzt Tilo H. dort Schienen. &#8222;Sondereinsatz&#8220; nennt er das. &#8222;Danach sind wir essen gegangen&#8220;, sagt Henry. F\u00fcr ihn ist es Freundschaft. F\u00fcr Psychologen sind es die ersten Schritte einer Taktik, die sie als Grooming bezeichnen. Der Begriff beschreibt normalerweise das Aufziehen von Pflanzen und Tieren. Sexualt\u00e4ter aber verhindern damit, dass sich Kinder fr\u00fchzeitig Gedanken machen.<\/p>\n<p>Bevor Feierabend ist, will Tilo H. &#8222;kuscheln&#8220;. Er behauptet, dass das guttue. &#8222;Ich musste mit nacktem Oberk\u00f6rper auf seinem Scho\u00df sitzen&#8220;, sagt Henry. &#8222;Er hatte auch nichts an.&#8220; Mal 15 Minuten, mal eine halbe Stunde. Ohne Widerstand. Kartbahn, Bowling oder Ausfl\u00fcge sind Belohnungen. Henry darf mit auf Besorgungsfahrten f\u00fcr die Modellbahn. Sitzt der Junge im Auto, will H., dass er seine Hand h\u00e4lt. &#8222;Ich hatte mir so oft vorgenommen, zu sagen: Das will ich nicht. Aber ich konnte nicht, es war unm\u00f6glich.&#8220;<\/p>\n<p>Irgendwann k\u00fcsst H. den Jungen, ins Gesicht, auf den Mund. Auch das wird zur Gewohnheit. Henry L. f\u00fchlt sich gefangen, will diesen Teil der Freundschaft loswerden. &#8222;Ich dachte damals, es ist ausweglos&#8220;, sagt er. Heute, nach einer Traumatherapie, wei\u00df der junge Mann, warum er nie Widerstand leisten konnte. &#8222;Als Kind hat man wohl Angst, seine besondere Stellung zu verlieren, und l\u00e4sst es geschehen.&#8220;<\/p>\n<p>Tilo H. spricht zudem immer mal von Selbstmord. Das macht Henry Angst. Dem Handhalten versucht er zu entgehen, indem er die Lehne des Beifahrersitzes nach hinten dreht und die Arme hinter dem Kopf verschr\u00e4nkt. &#8222;Manchmal hat es gewirkt, aber immer nur f\u00fcr den Moment, beim n\u00e4chsten Mal ging das wieder los.&#8220; Will H. ihn k\u00fcssen, dreht er den Kopf zur Seite. Der Mann ignoriert die Signale. H. organisiert Privattouren zu Eisenbahnmuseen, nach Hamburg, an die Ostsee oder in den Heidepark Soltau. Mal bucht er ein Hotelzimmer mit Einzelbett f\u00fcr sich und drei Kinder, mal wird gezeltet oder in seinem Toyota-Kombi \u00fcbernachtet. Immer mit schriftlicher Zustimmung der Eltern, die ihr Kind in guten H\u00e4nden glaubten.<\/p>\n<p>Zu den Eltern h\u00e4lt Tilo H. Distanz, geht beim Verabschieden nie in die Wohnung, &#8222;Immer, wenn andere dabei waren, selbst, wenn sie in 100 Meter Entfernung standen, hat T. nichts gemacht, erst, wenn wir allein waren&#8220;, sagt Henry. Es folgen private Badeausfl\u00fcge, Radtouren, eine Reise nach England. H. organisiert ein Praktikum f\u00fcr Henry. F\u00fcrsorglichkeit, die N\u00e4he f\u00fcr Missbrauch schafft. Mehrmals die Woche wird miteinander telefoniert. &#8222;Es ging um Insider-Sachen bei der Bahn, und ich konnte mich \u00fcber die Schule ausheulen&#8220;, sagt Henry. Wenn der Drucker des Jungen streikt, bringt H. ihm mitten in der Nacht die Papiere f\u00fcr das Schulreferat. Oder S\u00fc\u00dfigkeiten, die Henry an einem Strick in sein Kinderzimmer hinaufzieht. Tilo H., ein bester Freund im v\u00e4terlichen Sinne?<\/p>\n<p>Mit der Zeit wird Henrys Vater misstrauisch. Er recherchiert im Internet, bekannte Missbrauchsf\u00e4lle vor Augen: Odenwaldschule, Regensburger Domspatzen, Berliner Parkeisenbahn. Gibt es Anzeichen? Aufkl\u00e4rungsseiten der Polizei liefern m\u00f6gliche Symptome: Betroffene ziehen sich zur\u00fcck, kommen in der Schule nicht mehr mit, werden krank oder n\u00e4ssen ins Bett. &#8222;Mein Sohn zeigte kein einziges Symptom&#8220;, sagt Martin L. &#8222;In der Schule lief es, und auch von T. kam er immer fr\u00f6hlich zur\u00fcck.&#8220; Damals habe er sich oft wegen \u00dcberempfindlichkeit gescholten und gedacht, der Kontakt tue Henry gut, sagt der Vater. Tilo H. hielt er f\u00fcr ehrenwert. Als sich sein Sohn im M\u00e4rz 2016 offenbart, ist er geschockt.<\/p>\n<p>Henry geht derweil zur\u00fcck in die Vergangenheit. Im Herbst 2013 f\u00e4hrt er mit Tilo H. zu einem Konzert der Toten Hosen nach D\u00fcsseldorf. \u00dcbernachtet wird im Auto. &#8222;Er wollte, dass ich mich auf ihn lege.&#8220; Schritt f\u00fcr Schritt steigert H. die \u00dcbergriffe, l\u00e4dt Henry auch in seine Wohnung ein. &#8222;Ich war stolz, weil dort nicht jeder hindurfte.&#8220; T. habe immer sein Lieblingsessen gekocht: Lachs mit Bratkartoffeln. Der Preis daf\u00fcr ist &#8222;Kuscheln&#8220; und mehr. Der Junge muss sich mit nacktem Oberk\u00f6rper auf dem Boden massieren lassen. Dann: &#8222;Komplett ausziehen und &#8230;&#8220; Er habe versucht, sich schlafend zu stellen. Erfolglos. Tilo H. &#8222;weckt&#8220; den Jungen oder zieht ihn aus und vergeht sich an ihm. Etwa 30-mal innerhalb eines Jahres.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re das noch lange weitergegangen, h\u00e4tte Henry sich nicht in ein M\u00e4dchen verliebt. Seit Weihnachten 2015 sind sie ein Paar. &#8222;Pl\u00f6tzlich hat sich das mit T. wie unfreiwilliges Fremdgehen angef\u00fchlt.&#8220; Er habe &#8222;langsam realisiert, dass es ein solches Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis nicht geben darf.&#8220; Im Februar 2016 geht Henry zu H., entschlossen, keinen \u00dcbergriff mehr zuzulassen. Aber er will die Freundschaft retten. &#8222;Als T. wieder kuscheln wollte, habe ich gesagt: Du, ich will das eigentlich gar nicht.&#8220; Eine Stunde lang redet er, nennt Bedingungen: keine K\u00fcsse, kein Kuscheln, kein Anfassen.<\/p>\n<p>Tilo H. habe geantwortet: &#8222;Das kann ich nicht. Das Leben ist sinnlos, jetzt kann ich es beenden.&#8220; Es ist die letzte pers\u00f6nliche Begegnung. Eine gute Woche sp\u00e4ter schreibt Henry an Tilo H., dass er ihn nicht als Freund verlieren wolle. Er sei optimistisch, dass ein Neuanfang klappte, akzeptierte er die Bedingungen. Am Sonntag k\u00f6nne man dar\u00fcber reden. H. antwortet: &#8222;Dein Sonntag ist besser ohne mich. Die Welt ist besser ohne mich.&#8220;<\/p>\n<p>Anfang M\u00e4rz beginnt Henry, sich seinem Vater zu offenbaren. Der bringt seinen Sohn in eine Trauma-Ambulanz. Eine Betreuerin sagt dem Jungen, er m\u00fcsse sich entscheiden, ob er zur Polizei gehen wolle. Damit einher gingen Ermittlungen und ein Gerichtsverfahren, bei dem das Opfer gegen den T\u00e4ter aussagen m\u00fcsse, dazu Presse und \u00d6ffentlichkeit. &#8222;Das wollte ich nicht, aber gleichzeitig wollte ich die Gefahr minimieren, die von T. ausgeht&#8220;, sagt Henry. Er ging dann doch zur Polizei. &#8222;Das war ein gro\u00dfer Schritt f\u00fcr mich.&#8220; Dass er sich dort nicht ernstgenommen f\u00fchlte, habe ihn fertiggemacht. Der Kripobeamte habe gewirkt, als wollte er nur schnell weg.<\/p>\n<p>Weil Tilo H. \u00fcber Pfingsten 2016 wieder mit Kindern auf Privattour gehen will, informieren Vater und Sohn die Parkbahnleitung. Tilo H. wird vom Dienst suspendiert, geht nach Hause, r\u00e4umt sein Auto auf und bringt sich um. Die Polizei ruft Tage sp\u00e4ter Martin L. an: &#8222;Gegen Tote wird nicht ermittelt.&#8220; Drei Wochen lang kann der Junge nach H.s Tod fast nichts essen, zwingt sich zu Traubenzucker und Salat. Die Therapie hilft Henry, w\u00e4hrend die Parkbahn weiter ihre Runden dreht, als sei nichts geschehen.<\/p>\n<p>Den Kindern habe man das nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, hei\u00dft es von Schl\u00f6sserverwaltung und Parkbahnverein ein halbes Jahr sp\u00e4ter. Deshalb gibt es im Juni 2016 eine Gedenkfahrt f\u00fcr H. 250 Kinder, Eltern und Mitarbeiter lassen Luftballons mit guten W\u00fcnschen f\u00fcr ihn in den Himmel fliegen. Henrys Familie ist fassungslos. &#8222;Wie kann man einem Sexualt\u00e4ter solch eine Ehre zuteil werden lassen?&#8220;, emp\u00f6rt sich Henry. In der Traueranzeige des Vereins steht: &#8222;Wer Bleibendes geschaffen hat und Menschen begeistern konnte, wird nicht vergessen.&#8220;<\/p>\n<p>Vergessen wollen die Verantwortlichen aber offenbar Henry, der monatelang auf eine Entschuldigung warten muss. Im September macht die Familie Druck, nun endlich die anderen Eltern zu informieren. Doch der Schl\u00f6sserbetrieb l\u00e4sst sich bis Dezember Zeit, l\u00e4dt dann zu einem Informationsabend ein. Es gehe um ein Kinderschutzkonzept, hei\u00dft es. Aber danach sickern Details durch. Die Schl\u00f6sserverwaltung kennt den Namen Tilo H. schon seit Ende 2010 im Zusammenhang mit Grenzverletzungen und hat dennoch keine Konsequenzen gezogen.<\/p>\n<p>Erst nach einem SZ-Bericht \u00fcber weitere F\u00e4lle bei der Parkeisenbahn erstattet die Schl\u00f6sserverwaltung Mitte Februar Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Sie beauftragt den fr\u00fcheren s\u00e4chsischen Datenschutzbeauftragten und Juristen Thomas Giesen, die Vorg\u00e4nge aufzukl\u00e4ren. Was ist wann passiert? Wer wusste davon? Wie haben Verantwortliche gehandelt?<\/p>\n<p>Bei der Familie von Henry meldet sich Giesen erst, nachdem Martin L. ihn anschreibt. Der Anwalt bestellt Vater und Sohn nicht in seine Kanzlei, sondern in ein F\u00fcnfsternehotel. Das Treffen bezeichnet Henry als &#8222;Horror&#8220;. Giesen habe erkl\u00e4rt, dass Tilo H. nichts f\u00fcr seine Neigung k\u00f6nne. Was \u00dcbergriffe oder Grenzverletzungen betrifft, gehen die Meinungen bei dem Gespr\u00e4ch weit auseinander. &#8222;Ich habe gesagt, eine Ber\u00fchrung, die ich nicht will, ist eine Grenzverletzung&#8220;, sagt Henry. Giesen habe daraufhin seinen Vater am Arm angefasst und ge\u00e4u\u00dfert, es handele sich nicht um eine Grenzverletzung, solange man nicht unsittlich ber\u00fchrt werde. Das Gespr\u00e4ch bricht der Anwalt nach Henrys Erinnerung ab, obwohl er ihm seine Situation erkl\u00e4ren wollte. Der Jurist geht, und l\u00e4sst die Familie f\u00fcr mehr als 20 Euro Getr\u00e4nke bezahlen. Der Rechtsanwalt will sich auf Nachfrage nicht dazu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Unklar ist, weshalb Giesen f\u00fcr den Job als Aufkl\u00e4rer ausgew\u00e4hlt wurde. War es der vermeintlich gro\u00dfe Name als ehemals oberster Datensch\u00fctzer? Welche Kompetenzen er hat, welche Expertise zu sexuellem Kindesmissbrauch, oder ob auch andere m\u00f6gliche Experten angefragt wurden &#8211; zu all dem will sich Schl\u00f6sserchef Christian Striefler nicht \u00e4u\u00dfern, verweist stattdessen auf kommende Woche. Martin L. und sein Sohn werden jedenfalls kein Vertrauen in den f\u00fcr Mittwoch angek\u00fcndigten Bericht Giesens zu den \u00dcbergriffen bei der Parkeisenbahn haben. Das Gespr\u00e4ch mit dem Juristen reiht sich aus ihrer Sicht ein in eine Serie von Entt\u00e4uschungen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin mittlerweile an einem Punkt, wo mir Psychologen nicht mehr helfen k\u00f6nnen&#8220;, sagt Henry. Die Ereignisse h\u00e4tten sich im Kopf eingebrannt . Ganz viele Dinge seien komplett raum-, zeit- und gesichtslos, sie st\u00fcnden dennoch in Verbindung mit T.<\/p>\n<p>&#8222;Das alles ist ein Teil meines Lebens, das sich nicht mehr \u00e4ndern l\u00e4sst&#8220;, sagt Henry. &#8222;Ich werde mit der Zeit vielleicht besser damit umgehen, aber es sicher nie ganz abschlie\u00dfen k\u00f6nnen.&#8220; Auch das Zittern wird er vielleicht nie mehr los. Immer wieder passiert es, dass Henry zusammenzuckt &#8211; wenn ihn die Erinnerung an jene Ber\u00fchrungen ergreift, die er nie wollte.<\/p>\n<p>Namen auf Wunsch ge\u00e4ndert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAusgeliefert\u201c, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 31.03.2017 Ausgeliefert Er war neun, als es losging. Der Junge bewunderte den Mann, der ihn bei der Dresdner Parkeisenbahn ausbildete. Doch dann wollte sein Idol mehr und missbrauchte ihn \u00fcber Jahre. Heute ist er 17 und kann endlich dar\u00fcber reden. 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