{"id":576,"date":"2014-09-16T16:58:39","date_gmt":"2014-09-16T14:58:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=576"},"modified":"2021-12-18T20:28:44","modified_gmt":"2021-12-18T18:28:44","slug":"zu-unbequem-saechsische-zeitung-sachsen-16-09-2014","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=576","title":{"rendered":"\u201eZu unbequem\u201c &#8211; Wie die Stasi eine Lehrerin aus dem Schuldienst dr\u00e4ngte, S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 16.09.2014"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 16.09.2014<\/p>\n<h1>Zu unbequem<\/h1>\n<h4>In der DDR wurde Marlis Paschold von der Stasi aus ihrem Lehrerjob gedr\u00e4ngt. Eine neue Chance bekam sie nie.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-16-SN-Zu-unbequem.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-575\" alt=\"2014-09-16-SN-Zu unbequem\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-16-SN-Zu-unbequem-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-16-SN-Zu-unbequem-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-16-SN-Zu-unbequem-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-16-SN-Zu-unbequem-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-16-SN-Zu-unbequem-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-16-SN-Zu-unbequem-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>An diesen Ort wollte Marlis Paschold eigentlich nie mehr zur\u00fcck. Die fr\u00fchere Lehrerin steht vor ihrer Schule in Dresden-Cosch\u00fctz und wird f\u00fcr einen Moment still. Putz br\u00f6ckelt von den Mauern des leer stehenden Geb\u00e4udes, das fr\u00fcher 72. Polytechnische Oberschule hie\u00df. Ein Schild mahnt: &#8222;Betreten verboten&#8220;. Es k\u00f6nnte f\u00fcr Pascholds Schicksal stehen, die zerst\u00f6rte Existenz. Nach 30 Jahren will sie dar\u00fcber reden &#8211; und Genugtuung.<\/p>\n<p>Die 62-J\u00e4hrige sieht noch die Blicke der Sch\u00fcler, die an den Fenstern hingen, als sie mit zwei Stasi-Mitarbeitern ins Auto stieg. Damals, im M\u00e4rz 1984. In die Geschichtsstunde kamen sie und sagten nur einen Satz: &#8222;Wir bitten Sie, mitzukommen.&#8220; Nein, \u00fcberrascht sei Paschold nicht gewesen. Zu lange hatte sie das Regime gereizt. Am Ende war es eine verweigerte Unterschrift, mit der ihr Leben als Lehrerin f\u00fcr Geschichte und Russisch enden sollte. Unter ein Jubelpapier, das die Aufstellung sowjetischer Atomraketen in der DDR begr\u00fc\u00dfen sollte. Alle unterschrieben, bis auf Paschold und drei Klassen. In der Abteilung Volksbildung muss sie sich erkl\u00e4ren. &#8222;Ich sagte, ich unterschreibe nicht, weil ich auch meinen Sch\u00fclern erz\u00e4hle, dass Atomwaffen in der DDR nicht n\u00f6tig sind.&#8220;<\/p>\n<p>Der Druck w\u00e4chst, absurde Vorw\u00fcrfe kommen. Die Russisch-Noten der Sch\u00fcler seien zu gut, hat sie sexuelle Kontakte zu ihnen? &#8222;Dass ich unter Verdacht stand, mich an Kindern zu vergreifen, tat weh.&#8220; Unterstellungen geh\u00f6ren zum Handwerkszeug der Stasi. L\u00e4ngst gibt es die Akte &#8222;Parasit&#8220; beim Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit (MfS). Darin steht: Die Lehrerin sei bereits vorher offen gegen die Raketenstationierung aufgetreten, habe eine &#8222;feindlich-negative Einstellung zur DDR&#8220;, beeinflusse Verwandte und Freunde, wende sich Kirchenkreisen zu. Paschold gilt nun als besonders gef\u00e4hrliche Regimegegnerin, darf nicht arbeiten und steht unter Hausarrest.<\/p>\n<p>Dresden-L\u00f6btau. Ein Bauger\u00fcst verdeckt die Fenster von Pascholds fr\u00fcherer Wohnung. Sie l\u00e4uft durch die Stra\u00dfe. Das Karree, in dem sie sich damals bewegen durfte, misst in der L\u00e4nge keine Hundert Meter. Da war dieser rote Wartburg, der ihr jeden Morgen folgte, wenn sie wieder zum Verh\u00f6r radelte. Zwei Wochen lang. Sie sollte mundtot gemacht werden, so sieht es Paschold heute. Dabei wollte sie doch immer unbequem sein.<\/p>\n<p>Als Tochter eines B\u00e4ckermeisters w\u00e4chst sie im th\u00fcringischen Saalfeld auf, guckt Westfernsehen und hilft auf dem Bauernhof der Gro\u00dfeltern. Fr\u00fch gibt es Kontakt zu Kirchenkreisen, Treffen mit kritischen Pfarrern. &#8222;Ich wusste, dass die Stasi aufpasst.&#8220; W\u00e4hrend des Studiums in Leipzig gibt es den ersten gro\u00dfen \u00c4rger, weil sie ein Konzert der Renft Combo besucht. &#8222;Sozialistische Lehrerpers\u00f6nlichkeiten gehen nicht zu Staatsfeinden&#8220;, hei\u00dft es. 1976 zieht sie nach Dresden. Die 55. Oberschule ist die einzige Schule, an der sie sich jemals wohlf\u00fchlte. Zwei Jahre sp\u00e4ter die Versetzung an die 72. Oberschule. Paschold hat geheiratet, Sohn Moritz ist unterwegs.<\/p>\n<h5>In Kunst verpackte Regimekritik<\/h5>\n<p>In der Babypause w\u00e4chst die Lehrerin in die Szene von K\u00fcnstlern und Intellektuellen hinein. Mail-Art, kunstvolle Kritik auf Postkarten, interessiert sie. Auch bei einer Aktion des Pfarrers Christoph Wonneberger ist sie dabei. Die Ausstellung in der Dresdner Weinbergkirche zeigt 300 Zielscheiben, umgearbeitet zu Symbolbildern f\u00fcr Frieden und Abr\u00fcstung. Die Stasi guckt zu. In den Westen fliehen wollte Paschold nie. Sohn Moritz besucht eine kirchliche Kita. Paschold soll ihn in eine staatliche Einrichtung geben. Sie weigert sich. Immer \u00f6fter eckt sie an, weil sie den Lehrplan nur als Empfehlung versteht. &#8222;Ich wollte nicht nur \u00fcber Parteitage reden, sondern \u00fcber Literatur und Geschichte.&#8220; Kindern selbstst\u00e4ndiges Denken beibringen. Edgar Ellen Poe und Franz Kafka statt Lenin und Stalin.<\/p>\n<p>All diese kleinen Widerst\u00e4nde werden ihr im M\u00e4rz 1984 zum Verh\u00e4ngnis. Sie knickt nicht ein. Nach zwei Wochen t\u00e4glicher Verh\u00f6re ist der Spuk vermeintlich vorbei. Paschold darf nach Hause und wieder in die Schule. Es ist nur der Beginn f\u00fcr die n\u00e4chste Phase der Zerst\u00f6rung ihrer Existenz. Die Vorbereitungsunterlagen sind weg. Daf\u00fcr sitzt nun jedes Mal ein MfS-Mitarbeiter im Unterricht. Ihre Klasse muss sie vor den Abschlusspr\u00fcfungen abgeben. Die Stasi droht mit Haft, um ihr Kind werde sich der Staat k\u00fcmmern. Jetzt sp\u00fcrt Paschold Angst, versteckt sich zwei Tage in einem Wald und geht schlie\u00dflich zur Abteilung Volksbildung. Das System hat gewonnen. Sie unterschreibt einen Aufhebungsvertrag, verliert ihren Job endg\u00fcltig. Als Schneiderin darf sie nur noch 1 000 Mark im Jahr verdienen. Die Ehe scheitert 1986 auch daran, dass Romeos Ann\u00e4herungsversuche machen, Agenten, die Liebe vort\u00e4uschen, um an ihre Opfer heranzukommen. Mit einigen sei etwas gelaufen, sagt Paschold. Erst aus ihrer Stasi-Akte sollte sie sp\u00e4ter erfahren, wer die M\u00e4nner schickte. Schlie\u00dflich geht sie zur\u00fcck nach Th\u00fcringen, zieht in ein kleines Bauernhaus. Die Schikanen gehen weiter. Viele meiden die Neuank\u00f6mmlinge, der Sohn wird verpr\u00fcgelt. In der Stasi-Akte steht, dass in der Dorfkneipe gegen sie gehetzt wurde.<\/p>\n<h5>Sozialhilfe statt Schuldienst<\/h5>\n<p>Nach der Wende bewirbt sie sich um freie Lehrerstellen. Erfolglos. Sie soll nachweisen, wieso sie seit 1984 nicht mehr unterrichten durfte. Das klappt nicht, weil die Stasi-Unterlagenbeh\u00f6rde eine Welle von Antr\u00e4gen zu bearbeiten hat. 1992 erh\u00e4lt sie eine ABM-Stelle als Stra\u00dfenkehrerin. Die politische Rehabilitation kommt erst 1995. Wieder bewirbt sich Paschold bei den Th\u00fcringer Schulbeh\u00f6rden. Nun seien alle Stellen besetzt, hei\u00dft es. Auf dem Bauernhof will sie eine Kita einrichten. Aber es gibt keine F\u00f6rdermittel. Zwischendurch ist sie ehrenamtlich in einer Jugendkneipe t\u00e4tig, um endlich wieder mit jungen Leuten zu arbeiten. Der Bewerbungsmarathon geht weiter. Vielleicht klappt es ja mit politischer Bildungsarbeit. Sie h\u00e4tte einiges zu erz\u00e4hlen. Keine Chance. Wie kann ein Mensch so viele Jahre der Ablehnung \u00fcberstehen? Mini-Jobs und Kurzzeit-Engagements als Erziehungshilfe k\u00f6nnen kaum motivieren. &#8222;Ich kann nur mit Leidenschaft etwas machen oder gar nicht.&#8220; K\u00fcnftig will sie in der Dresdner Stasi-Gedenkst\u00e4tte mitarbeiten, F\u00fchrungen machen, vor allem f\u00fcr Sch\u00fcler. Ein erstes Gespr\u00e4ch sei positiv verlaufen. Vielleicht zieht sie sogar wieder in die Stadt. Wenn sie es sich leisten kann.<\/p>\n<p>Marlis Paschold lebt seit der Wende von Sozialhilfe. 359 Euro pro Monat, dazu eine SED-Opferrente von 184 Euro. Beim Th\u00fcringer Landesverwaltungsamt hat sie einen Antrag auf Entsch\u00e4digung gestellt &#8211; f\u00fcr alle entgangenen Arbeitsjahre seit 1984. &#8222;Ich gebe mich nicht eher zufrieden&#8220;, sagt sie. Unbequem ist Paschold immer noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 16.09.2014 Zu unbequem In der DDR wurde Marlis Paschold von der Stasi aus ihrem Lehrerjob gedr\u00e4ngt. Eine neue Chance bekam sie nie. Von Tobias Wolf An diesen Ort wollte Marlis Paschold eigentlich nie mehr zur\u00fcck. Die fr\u00fchere Lehrerin steht vor ihrer Schule in Dresden-Cosch\u00fctz und wird f\u00fcr einen Moment still. 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