{"id":579,"date":"2017-07-27T17:04:46","date_gmt":"2017-07-27T15:04:46","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=579"},"modified":"2021-12-18T20:26:58","modified_gmt":"2021-12-18T18:26:58","slug":"dschihad-und-pfefferkuchen-saechsische-zeitung-seite-3-27-07-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=579","title":{"rendered":"\u201eDschihad und Pfefferkuchen\u201c &#8211; ein M\u00e4dchen aus der Kleinstadt Pulsnitz beim Islamischen Staat, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 27.07.2017"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 27.07.2017<\/p>\n<h1>Dschihad und Pfefferkuchen<\/h1>\n<h4>Mit der Verhaftung von Linda W. im Irak r\u00fcckte Pulsnitz \u00fcber Nacht weltweit in den Fokus. Was macht das mit der Kleinstadt?<\/h4>\n<p>Von Jana Ulbrich, Tobias Wolf (Text) und Ronald Bonss (Foto)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-27-Dschihad-und-Pfefferkuchen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-580\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-27-Dschihad-und-Pfefferkuchen-150x150.jpg\" alt=\"2017-07-27-Dschihad und Pfefferkuchen\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-27-Dschihad-und-Pfefferkuchen-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-27-Dschihad-und-Pfefferkuchen-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-27-Dschihad-und-Pfefferkuchen-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-27-Dschihad-und-Pfefferkuchen-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2017-07-27-Dschihad-und-Pfefferkuchen-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>So einen Rummel haben sie noch nicht erlebt. Klar, die Kleinstadt ist bekannt. Die Pulsnitzer Pfefferkuchen sind das Aush\u00e4ngeschild, ein gesch\u00fctzter Markenname, dazu das passende Museum f\u00fcr die Fans. Damit w\u00e4ren sie gern ber\u00fchmt geblieben in der Oberlausitzer Kleinstadt. Pulsnitz, gut 7 500 Einwohner, eingebettet in eine malerische H\u00fcgellandschaft aus Feldern und W\u00e4ldern, ein Barockschloss um die Ecke, ist nun f\u00fcr etwas anderes bekannt. Schlagartig r\u00fcckte der Ort in den letzten Wochen in den Fokus der Welt\u00f6ffentlichkeit. Terrorismusexperten kennen ihn. Die derzeit ber\u00fchmteste Tochter der Stadt ist Linda W., vor zwei Wochen in Mossul im Irak als mutma\u00dfliche IS-Unterst\u00fctzerin festgenommen. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen die 16-j\u00e4hrige Sch\u00fclerin \u00fcbernommen, Diplomaten verhandeln \u00fcber ihre R\u00fcckkehr nach Deutschland, und Journalisten belagern Lindas Heimatstadt. Fragen, fotografieren, filmen. Fast jeden Tag.<\/p>\n<p>Nur eine Handvoll Reisende hat nichts davon mitbekommen. Die drei Rentner aus Hannover stehen am Tresen der Touristinformation und fragen nicht nach Linda. Sie wollen den Weg zum Geburtshaus von Bartholom\u00e4us Ziegenbalg wissen, eines christlichen Missionars, der Anfang des 18. Jahrhunderts nach Indien ging. Der Ziegenbalg sei mancherorts auf der Welt ber\u00fchmter als Martin Luther, sagen die Rentner mit Kennermiene. Nur seinetwegen sind sie nach Pulsnitz gekommen.<\/p>\n<p>In der kleinen Pfefferk\u00fcchlerei im Zentrum riecht es nach Zimt und Kardamom, nach Fenchel, Muskatnuss und Macisbl\u00fcte. &#8222;Wir backen gerade&#8220;, sagt die Chefin und l\u00e4chelt tapfer. Auf gro\u00dfen Blechen liegen frische Pulsnitzer Spitzen, zwei Lagen Teig, dazwischen Himbeer- und Johannisbeergelee, zusammengehalten von dunkler Schokolade. Von den Reportern vor der Ladent\u00fcr interessiert sich niemand daf\u00fcr. Sie fragen jeden, der vorbeigeht, nach Linda, dem M\u00e4dchen, das in den Heiligen Krieg gezogen sein soll. Seit \u00fcber einer Woche geht das schon so, sagt die Pfefferkuchenverk\u00e4uferin. Auch bei ihr im Laden, obwohl sie zu all dem eigentlich gar nichts sagen will.<\/p>\n<p>Vor der Pfefferk\u00fcchlerei diskutieren die Leute auf der Stra\u00dfe. Sie alle kennen die Bilder. Fotos, auf denen ein schmales blasses M\u00e4dchen vor zerschossenen Ruinen zu sehen ist, staubbedeckt, ersch\u00f6pft, gest\u00fctzt von M\u00e4nnern in Uniform. Es sind die Bilder, die irakische Soldaten nach der Befreiung Mossuls vom Islamischen Staat wie Troph\u00e4en bei Facebook ver\u00f6ffentlichten. Die von dort ihren Weg bis ins Fernsehen und die Zeitungen nahmen. Die eine Art mediale Naturkatastrophe \u00fcber Pulsnitz hereinbrechen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Eine Frau l\u00e4uft vom Einkaufen nach Hause. Sie kennt Lindas Familie und findet schrecklich, was in der Stadt gerade los ist. &#8222;Wir haben sogar im Urlaub in Island \u00fcber einen norddeutschen Internetsender von der Islamistin aus Pulsnitz geh\u00f6rt.&#8220; Stundenlang w\u00fcrden Fotografen und Kamerateams nun das Haus der Familie belagern, ungeniert alles filmen und fotografieren. Seit voriger Woche jeden Tag. Die Leute seien genervt. Manchen macht die Dauerbelagerung auch Angst. &#8222;Ich gehe nicht mehr \u00fcber den Marktplatz, wenn ich jemanden mit einer Kamera oder einem Mikrofon in der Hand sehe&#8220;, sagt eine Rentnerin.<\/p>\n<p>Der \u00c4rger \u00fcber den Medienrummel ist das eine. Dass sich ausgerechnet eine Obersch\u00fclerin aus Pulsnitz in den letzten Sommerferien heimlich auf den Weg zum IS gemacht hatte, versteht hier keiner. Unbemerkt von Familie und Freunden, mit einer gef\u00e4lschten Erlaubnis der Mutter, war Linda in ein Flugzeug nach Istanbul gestiegen. Danach soll das M\u00e4dchen \u00fcber den t\u00fcrkischen Grenz\u00fcbergang Bab al-Hawa in die syrische Provinz Idlib gereist sein, sp\u00e4ter in die &#8222;IS-Hauptstadt&#8220; Al-Rakka. Wie sie in das Tunnelsystem unter der Altstadt der irakischen Metropole Mossul gekommen ist, in dem die irakischen Spezialeinheiten sie festnahmen, ist immer noch unklar.<\/p>\n<p>Sicher ist: Linda spaltet Pulsnitz und, wenn man so will, die deutsche \u00d6ffentlichkeit &#8211; sichtbar im Internet. In Facebook-Kommentaren hei\u00dft es etwa: &#8222;Das M\u00e4del ist eine Gefahr f\u00fcr die Gesellschaft! Sie braucht keine Hilfe, sondern knallharte Bestrafung.&#8220; Mancher Sachse glaubt gar, Linda w\u00fcrde demn\u00e4chst einen Bombeng\u00fcrtel in der Dresdner Frauenkirche z\u00fcnden. Anh\u00e4nger von Pegida, NPD und Co., die sonst gern kriminelle Ausl\u00e4nder abschieben wollen, fordern, dass Linda nicht nach Hause zur\u00fcckkommen solle, sondern im Irak verurteilt werden m\u00fcsse. Nur eine Minderheit erinnert daran, dass es um ein Kind geht. &#8222;Mein Gott, sie ist erst 16. Man sollte mal \u00fcberlegen, was in der Familie schiefgelaufen ist, um so einen Entschluss zu fassen&#8220;, schreibt einer. Die Diskussion im Internet, das h\u00e4sslich-\u00fcbertriebene Abbild einer Debatte, die Pulsnitz in diesen Tagen bestimmt und Ablehnung, Angst, aber auch Verst\u00e4ndnis hervorruft.<\/p>\n<p>Vor der Pfefferk\u00fcchlerei redet sich so mancher in Rage. Manche glauben, das M\u00e4dchen w\u00fcrde die Islamisten mitbringen, wenn sie wiederk\u00e4me. &#8222;Sie soll doch bleiben, wo sie ist, und sich blo\u00df nicht mehr hier blicken lassen&#8220;, schimpft ein Rentner \u00fcber Linda. Ein anderer pflichtet ihm bei: &#8222;Die werden sie auch gar nicht rauslassen aus dem Irak, da kannst du dir sicher sein&#8220;. Der n\u00e4chste mahnt. &#8222;Aber sie ist doch noch ein Kind, eine Jugendliche in der Pubert\u00e4t&#8220;, sagt ein Mann Anfang 50, der auch Kinder in diesem Alter hat. &#8222;Jugendliche machen auch mal Fehler, da muss man ihnen doch eine Chance geben.&#8220;<\/p>\n<p>Die Frau, die in Island war, als Linda in Mossul verhaftet wurde, w\u00fcnscht sich, dass das M\u00e4dchen wieder heil zur\u00fcckkommt. &#8222;Das hier ist doch ihre Heimat&#8220;, sagt sie. Sie hoffe darauf, dass es in Deutschland Institutionen gibt, die Linda helfen, wieder in die Gesellschaft zur\u00fcckzufinden. Aber ob sie das \u00fcberhaupt jemals schaffen wird? Ob sie sich \u00fcberhaupt jemals wieder in Pulsnitz einfinden kann? Glaubt man ausl\u00e4ndischen Zeitungen, vielleicht sogar mit einem Kind, dessen Vater IS-K\u00e4mpfer war und l\u00e4ngst tot ist. Das alles sind Fragen, die derzeit niemand beantworten kann. &#8222;Die hat doch hier \u00fcberhaupt nichts mehr zu lachen&#8220;, sagt ein 29-J\u00e4hriger ernst.<\/p>\n<p>Lindas Familie wird seit der Verhaftung im Irak abgeschirmt. Die Hayat-Initiative betreut sie. Die Extremismus-Experten helfen Familien, deren Kinder durch Salafisten oder den IS radikalisiert werden. 180 F\u00e4lle gibt es derzeit bundesweit. Hayat hei\u00dft Leben. Linda und ihre Familie sollen ein neues Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. Wer sich schuldig gemacht habe, m\u00fcsse sich verantworten, sagt Hayat-Betreuerin Claudia Dantschke. Danach m\u00fcsse die Gesellschaft aber verzeihen und hoffen, dass sich die Frauen wieder eingliedern. Linda ist nicht die Einzige. Nach einem Bericht der Welt seien drei weitere deutsche Frauen in Mossul festgenommen worden, die aus Baden-W\u00fcrttemberg und Nordrhein-Westfalen stammen. Lindas Eltern und die Schwester wollen sich nicht mehr \u00e4u\u00dfern. Der Druck sei einfach zu gro\u00df geworden, sagt ihr Stiefvater. Er lebe inzwischen von seiner Frau getrennt. Und dann ist da noch das offizielle Pulsnitz. B\u00fcrgermeisterin Barbara L\u00fcke sieht schon jetzt das \u00f6ffentliche Bild ihrer Stadt besch\u00e4digt. &#8222;IS und Dschihad&#8220;, so und \u00e4hnlich lauten die ersten Suchergebnisse im Internet, wenn man Pulsnitz etwa bei Google eingibt. L\u00fcke beklagt, dass es keine Strukturen gebe, die Menschen wie Linda auffangen, die die Radikalisierung von Teenagern verhindern.<\/p>\n<p>Wie war es nur m\u00f6glich, dass eine gute Sch\u00fclerin sich innerhalb kurzer Zeit radikalisierte und niemand etwas merkte? Dass sie Kopftuch und trotz Hitze lange Kleider trug. Dass mehr dahinter stecken k\u00f6nnte, als eine eigensinnige, aber vor\u00fcbergehende Episode einer Teenagerin? In Pulsnitz finden sie keine Antwort. Auch Christoph Semper nicht. Der 30-J\u00e4hrige ist Sozialp\u00e4dagoge beim Netzwerk f\u00fcr Kinder- und Jugendarbeit in der Westlausitz. Schwierige F\u00e4lle erkennen, sich mit viel Zeit um orientierungslose Jugendliche zu k\u00fcmmern, ist kaum m\u00f6glich. Semper ist allein f\u00fcr Pulsnitz und sieben andere Orte zust\u00e4ndig. &#8222;So schlimm der Fall ist, aber er k\u00f6nnte in Zukunft vielleicht auch eine Chance sein.&#8220;<\/p>\n<p>Die Pulsnitzer Oberschule hatte seit 2011 keinen Sozialarbeiter mehr. Nun soll sie wieder einen bekommen. So jemand k\u00f6nnte mit den Jugendlichen auch \u00fcber Gefahren des Internets reden. Wie schnell man an radikale Fanatiker geraten kann. &#8222;Pulsnitz und der Dschihad &#8211; wir hatten so ein Thema doch bisher gar nicht auf dem Schirm&#8220;, sagt Christoph Semper.<\/p>\n<p>Irgendwann wird Pulsnitz in den Kleinstadtmodus zur\u00fcckfinden m\u00fcssen. Im Pfefferkuchenmuseum am Marktplatz r\u00fchrt Karin Haupt Zuckerguss an. Puderzucker, Eiwei\u00dfpulver, Lebensmittelfarbe und Wasser. Sie braucht eine ganze Menge davon. Am Nachmittag kommt eine Kindergruppe vorbei, will Pfefferkuchenherzen backen. Gerade jetzt in den Ferien w\u00fcrden viele Kinder kommen, sagt Haupt. Die Kleinen interessieren sich eher f\u00fcr die S\u00fc\u00dfigkeiten in Pulsnitz. Ein St\u00fcck Normalit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 27.07.2017 Dschihad und Pfefferkuchen Mit der Verhaftung von Linda W. im Irak r\u00fcckte Pulsnitz \u00fcber Nacht weltweit in den Fokus. Was macht das mit der Kleinstadt? Von Jana Ulbrich, Tobias Wolf (Text) und Ronald Bonss (Foto) So einen Rummel haben sie noch nicht erlebt. Klar, die Kleinstadt ist bekannt. 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