{"id":589,"date":"2015-05-20T17:58:31","date_gmt":"2015-05-20T15:58:31","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=589"},"modified":"2021-12-18T20:25:21","modified_gmt":"2021-12-18T18:25:21","slug":"ueber-die-vorfahren-gestolpert-saechsische-zeitung-lokales-20-05-2015","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=589","title":{"rendered":"\u201e\u00dcber die Vorfahren gestolpert\u201c &#8211; Stolpersteine bringen Familien nach Jahrzehnten zusammen, S\u00e4chsische Zeitung, Lokales, 20.05.2015"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Lokales, 20.05.2015<\/p>\n<h1>\u00dcber die Vorfahren gestolpert<\/h1>\n<h4>Ein Zeitungsartikel bringt zwei Familien zusammen. Eine ber\u00fchrende Geschichte aus dem Krieg verbindet sie.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf (Text und Foto)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2015-05-20-\u00dcber-die-Vorfahren-gestolpert.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-591\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2015-05-20-\u00dcber-die-Vorfahren-gestolpert-150x150.jpg\" alt=\"2015-05-20-\u00dcber die Vorfahren gestolpert\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2015-05-20-\u00dcber-die-Vorfahren-gestolpert-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2015-05-20-\u00dcber-die-Vorfahren-gestolpert-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2015-05-20-\u00dcber-die-Vorfahren-gestolpert-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2015-05-20-\u00dcber-die-Vorfahren-gestolpert-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2015-05-20-\u00dcber-die-Vorfahren-gestolpert-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Sie liegen sich in den Armen &#8211; zwei M\u00e4nner, die sich noch nie zuvor begegnet sind, der j\u00fcngere ist gerade aus dem Auto gestiegen. Knapp 250 Kilometer liegen an diesem Freitagabend hinter Stephan Hepner und seiner Familie. Zweieinhalb Stunden ist der Ingenieur voller Vorfreude vom Schweizer Kanton Aargau mit Frau, zwei T\u00f6chtern und seinem Sohn bis nach Baden-Baden gefahren. Die Augen des \u00c4lteren gl\u00e4nzen feucht, die Begegnung nimmt Michael Schuncke mit. Seit wenigen Wochen wissen sie voneinander, haben nur ein paar Stunden telefoniert, um \u00fcber das Unfassbare zu reden &#8211; und ein Treffen an diesem Maiwochenende ausgemacht.<\/p>\n<p>Ein festlich eingerichtetes Hotelrestaurant, Vorspeisen werden gereicht. Der Blick geht in einen kleinen Park, hinter dessen Wipfeln die Berge um Baden-Baden zu erkennen sind. Ein fast n\u00fcchterner Ort f\u00fcr die Begegnung zweier Familien, die ihre Dresdner Geschichte vereint. Die Nachkommen der j\u00fcdischen Familie Hepner, die einst in der Blasewitzer Villa Fliederhof Zuflucht vor den Nazis fand, besch\u00fctzt von der Gro\u00dfmutter Michael Schunckes. Der 86-J\u00e4hrige tr\u00e4gt zum Essen Schwarz. Er ist der letzte Namenstr\u00e4ger einer Hornistendynastie, die \u00fcber Jahrhunderte die europ\u00e4ische Musikkultur mitpr\u00e4gte. Nun sitzen sie wie eine Familie beim Mittagessen, reden herzlich miteinander. Ein Artikel in der S\u00e4chsischen Zeitung hat sie zusammengebracht.<\/p>\n<p>Es ist der 12. M\u00e4rz, als Michael Schuncke in Baden-Baden die Verleihung des ersten Internationalen Hornpreises vorbereitet, der den Namen seiner Ahnen tr\u00e4gt. Es soll sein Verm\u00e4chtnis werden. Im Schweizer \u00d6rtchen Alth\u00e4usern lichten sich an diesem Abend die Schleier \u00fcber Stephan Hepners Familie. Eine Ahnenforscherin hat eine E-Mail geschrieben, will wissen, ob er schlesische Vorfahren habe. Nein, urspr\u00fcnglich aus Posen antwortet der 59-J\u00e4hrige. An dieser Stelle k\u00f6nnte die Geschichte zu Ende sein. Ist es Zufall, Vorahnung, ein Verdacht? Der kr\u00e4ftige Mann, dunkelblauer Kapuzenpulli, ausgewaschene Jeans, wei\u00df nicht mehr, warum er im Internet kurz darauf die Suchbegriffe &#8222;Hepner&#8220; und &#8222;Dresden&#8220; eingibt. &#8222;Ich wusste, dass meine Eltern aus Dresden stammen&#8220;, sagt Hepner. &#8222;Das hat mein Vater erz\u00e4hlt, der sonst fast nicht \u00fcber diese Zeit gesprochen hat.&#8220; Eine Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits wohnte bis in die 1990er-Jahre in der Dresdner Rittershausstra\u00dfe. Hepner hat sie oft besucht, ohne zu ahnen, was die Familie v\u00e4terlicherseits erdulden musste.<\/p>\n<h5>Familiengeheimnis gel\u00fcftet<\/h5>\n<p>Was er im Internet findet, macht ihn f\u00fcr einen Moment sprachlos. Da ist dieser SZ-Artikel, der von der Rettung einer j\u00fcdischen Familie namens Hepner erz\u00e4hlt. Im September stand Michael Schuncke Pate f\u00fcr die Stolpersteine, die vor dem Grundst\u00fcck des ehemaligen Fliederhofs verlegt wurden. Auch im Namen seiner Gro\u00dfmutter Wilhelmine. In dem Artikel habe Stephan Hepner zum ersten Mal von diesem Kapitel in der Geschichte der Vorfahren erfahren.<\/p>\n<p>An jenem M\u00e4rzabend geht er damit zu seiner \u00e4ltesten Tochter Catherine. Auch sie ist elektrisiert. &#8222;Wir hatten uns alle damit abgefunden, dass wir diesen dunklen Teil unserer Geschichte nie erfahren w\u00fcrden&#8220;, sagt die 21-J\u00e4hrige. &#8222;Und dann hast du von einer Sekunde auf die andere das Gef\u00fchl, jetzt bekommst du alle Informationen.&#8220; Die ganze Familie will nun mehr wissen.<\/p>\n<p>Stephan Hepner schickt eine E-Mail mit einem Jugendfoto des Vaters nach Baden-Baden. Das ist der Moment, nachdem auch f\u00fcr Michael Schuncke nichts mehr wie vorher ist. Der 86-J\u00e4hrige, der glaubte, nie mehr von den Menschen zu h\u00f6ren, die seine Oma beherbergten, weint Freudentr\u00e4nen. Stundenlange Telefonate folgen. \u00dcber 60 Jahre glaubte er nach den \u00dcberlieferungen, sie seien in die USA emigriert. &#8222;Sie baten damals darum, ihnen nicht b\u00f6se zu sein, aber nach diesem Leid wollten sie alle Br\u00fccken hinter sich abbrechen.&#8220;<\/p>\n<p>Ende 1938: Nach der Pogromnacht vom 9. November muss Familie Hepner ihr Zuhause und die Polsterwerkstatt in der S\u00fcdvorstadt aufgeben. Richard Hepner gilt als Volljude, Sohn Peter als Halbjude. Ehefrau Johanna ist Christin. Ihre Mutter sucht nach einem Unterschlupf, st\u00f6\u00dft auf Wilhelmine Schuncke und den Fliederhof. Sie will das Obergeschoss mieten, Hepners sollen darin wohnen. Helfen ist Familientradition, der russische Komponist Sergej Rachmaninow fand hier in den 1920er-Jahren nach der Oktoberrevolution Zuflucht.<\/p>\n<p>Michael Schuncke lebt seit der Trennung der Eltern in Baden-Baden, besucht oft die Dresdner Oma. Hepners Sohn Peter ist sein wichtigster Freund und damals auf der Kreuzschule. Er singt im Kreuzchor, liebt Mathematik und Naturwissenschaften. Die regimetreuen Lehrer mobben Peter, bis er von der Schule fliegt. Schunckes Onkel, Baron Paul von Seiller, gibt dem Jungen deshalb Hausunterricht im Fliederhof.<\/p>\n<p>Im Hotelrestaurant ist es still geworden, w\u00e4hrend Stephan Hepner von den wenigen Erinnerungen des Vaters erz\u00e4hlt, die dieser je preisgegeben hat. Dass Gro\u00dfvater Richard 1950 in Dresden starb und auf dem Neuen J\u00fcdischen Friedhof begraben wurde. Dass er einen Bruder hatte, der mit seiner Familie im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. Stephan Hepners Vater Peter heiratete zwei Jahre sp\u00e4ter und floh mit seiner Frau noch am selben Tag nach Westberlin. Das junge Paar lie\u00df die Hochzeitsgesellschaft einfach sitzen.<\/p>\n<p>In Dresden hatte Peter Hepner ein Jurastudium begonnen. Dann ist er als Rechtsanwalt und Richter t\u00e4tig, l\u00e4sst sich nahe dem Ruhrgebiet nieder. Sohn Stephan geht schlie\u00dflich auf eine Schule in der Schweiz, studiert dort und lernt dabei seine Frau kennen. Ein richtiger Familienmensch ist Peter Hepner wohl nie mehr gewesen. F\u00fcr Enkelin Catherine findet er auch kurz vor seinem Tod in den 1990er-Jahren keine Zeit, sagt Monique Faber, Stephan Hepners Ehefrau. Ihre Stimme klingt f\u00fcr einen Moment traurig. &#8222;Irgendwann wurde mir klar, dass er traumatisiert sein muss und das mit Arbeit kompensiert&#8220;, sagt die 52-J\u00e4hrige. Trauma, das Wort taucht immer wieder auf. Auch bei Michael Schuncke hat sich manches in die Erinnerung eingebrannt.<\/p>\n<p>Als Junge erlebt er, wie Gestapoleute Druck machten, die Juden vor die T\u00fcr zu setzen. Kommen sie, guckt er von oben ins Treppenhaus hinab, bewundert die 80-j\u00e4hrige Gro\u00dfmutter, wie sie mit den Geheimpolizisten umgeht. Die eigentlich schlichte Industriellen-Gattin Wilhelmine Schuncke ist gewohnt zu repr\u00e4sentieren. 15 Minuten vergehen jedes Mal, bevor sie ger\u00e4uschvoll die Treppen hinabrauscht. Ein Trick, um die Ledermanteltr\u00e4ger zu verunsichern.<\/p>\n<p>Bevor sie rein d\u00fcrfen, wird das Bild im Aufgang der Villa auf die R\u00fcckseite gedreht. Hitler statt Blumen. Das wirkt. Ob sie ein Haus in Dresden kennen w\u00fcrden, indem so ein kostbares Bild des F\u00fchrers hinge, fragt sie die Gestapoleute? Diese Furchtlosigkeit funktioniert \u00fcber Jahre, bis Richard Hepner 1943 doch festgenommen wird. Im Oktober 1944 verschleppt ihn die SS ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Erst nach dem Krieg kehrt er abgemagert und an Kr\u00fccken zur\u00fcck. Im Lager wurden ihm die Knochen gebrochen.<\/p>\n<p>Zur Schuncke-Gro\u00dfmutter sagte Hepner: &#8222;Dass ich noch lebe, verdanke ich Ihnen und der SS-B\u00fcrokratie.&#8220; Gem\u00e4\u00df seiner H\u00e4ftlingsnummer sollte er wohl im Juni 1945 sterben. Da war der Krieg l\u00e4ngst aus.<\/p>\n<h5>Wiedersehen in Dresden geplant<\/h5>\n<p>Dass seine Enkel und Urenkel diese Geschichte nun auch kennen, ist wie ein kleines Wunder. &#8222;Jetzt k\u00f6nnen wir auch endlich nachvollziehen, was mein Vater in seiner Jugend durchgemacht hat&#8220;, sagt Stephan Hepner. &#8222;Vielleicht h\u00e4tte er nicht einmal dieses Wiedersehen unterst\u00fctzt.&#8220; Vielleicht auch nicht die Stolpersteine vor dem Fliederhof. Aber ohne die goldfarbenen Kacheln h\u00e4tte es wohl nie ein Zusammentreffen in Baden-Baden gegeben, das demn\u00e4chst seine Fortsetzung in Dresden finden soll. Fast, als w\u00e4ren sie eine Familie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Lokales, 20.05.2015 \u00dcber die Vorfahren gestolpert Ein Zeitungsartikel bringt zwei Familien zusammen. Eine ber\u00fchrende Geschichte aus dem Krieg verbindet sie. Von Tobias Wolf (Text und Foto) Sie liegen sich in den Armen &#8211; zwei M\u00e4nner, die sich noch nie zuvor begegnet sind, der j\u00fcngere ist gerade aus dem Auto gestiegen. Knapp 250 Kilometer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[207],"tags":[202,66,200,156,160,201,203,204,199,157,176,67,28,8],"class_list":["post-589","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-portraet_reportage","tag-buchenwald","tag-dresden","tag-drittes-reich","tag-extremismus","tag-geschichte","tag-judenverfolgung","tag-konzentrationslager","tag-michael-schuncke","tag-nationalsozialismus","tag-politik","tag-rechtsextremismus","tag-sachsen","tag-saechsische-zeitung","tag-tobias-wolf"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/589","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=589"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/589\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":841,"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/589\/revisions\/841"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=589"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=589"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wolftobias.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=589"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}