{"id":594,"date":"2014-09-12T18:01:49","date_gmt":"2014-09-12T16:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=594"},"modified":"2021-12-18T20:21:25","modified_gmt":"2021-12-18T18:21:25","slug":"drei-steine-fuer-drei-leben-saechsische-zeitung-sachsen-12-09-2014","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=594","title":{"rendered":"\u201eDrei Steine f\u00fcr drei Leben\u201c &#8211; Die Stolpersteine der Musikerdynastie Schuncke, S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 12.09.2014"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 12.09.2014<\/p>\n<h1>Drei Steine f\u00fcr drei Leben<\/h1>\n<h4>Michael Schunckes Familie sch\u00fctzte eine j\u00fcdische Familie vor den Nazis. Mit einem ungew\u00f6hnlichen Gem\u00e4lde.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-12-SN-Drei-Steine-f\u00fcr-drei-Leben.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-590\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-12-SN-Drei-Steine-f\u00fcr-drei-Leben-150x150.jpg\" alt=\"2014-09-12-SN-Drei Steine f\u00fcr drei Leben\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-12-SN-Drei-Steine-f\u00fcr-drei-Leben-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-12-SN-Drei-Steine-f\u00fcr-drei-Leben-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-12-SN-Drei-Steine-f\u00fcr-drei-Leben-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-12-SN-Drei-Steine-f\u00fcr-drei-Leben-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2014-09-12-SN-Drei-Steine-f\u00fcr-drei-Leben-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Die Klarinette hat M\u00fche, gegen die Ger\u00e4uschkulisse im Dresdner Villenviertel Blasewitz anzuk\u00e4mpfen. Zum Wind gesellen sich rhythmische Hammerschl\u00e4ge, die einen Mei\u00dfel in den Boden treiben, um ein Loch in den Fu\u00dfweg zu schlagen. Es soll eine Wunde schlie\u00dfen, die mit der Erinnerung an die j\u00fcdische Familie Hepner verkn\u00fcpft ist, die im ehemaligen Fliederhof an der Goetheallee Zuflucht fand. Richard, Johanna und Peter steht auf den goldgl\u00e4nzenden Stolpersteinen des K\u00fcnstlers Gunter Demnig. Fast erstarrt beobachtet Michael Schuncke die Szenerie. Er ist Pate der Stolpersteine. Als Junge lernte er die Familie 1938 kennen, die ins Obergeschoss der Villa seiner Gro\u00dfeltern Wilhelm und Wilhelmine Schuncke eingezogen war. Eine Tr\u00e4ne rollt \u00fcber die Wange des 85-J\u00e4hrigen.<\/p>\n<p>Es ist Ende 1938. Der Schrecken der Pogromnacht vom 9. November hat den j\u00fcdischen Deutschen endg\u00fcltig klargemacht, welches Schicksal ihnen droht. Wer keine Wohnung mehr als R\u00fcckzugsraum hat, ist vogelfrei und den Gewaltorgien der braunen Truppen schutzlos ausgeliefert. Ihre Wohnung in der Dresdner S\u00fcdvorstadt musste Familie Hepner aufgeben. Vater Richard gilt im Nazi-Jargon als Volljude, Sohn Peter als Halbjude. Mutter Johanna ist Christin. Richard Hepner war in der &#8222;Kristallnacht&#8220; das erste Mal kurzzeitig inhaftiert worden. Die Nachkommen der Musikerdynastie Schuncke sind die letzte Hoffnung. Bedrohten Unterschlupf zu gew\u00e4hren, ist Familientradition. In den 1920er-Jahren lebte der russische Komponist Sergej Rachmaninow bei ihnen, der nach der Oktoberrevolution verfolgt wurde.<\/p>\n<p>Die Wohnung ist offiziell von Johanna Hepners Mutter angemietet, die Familie als Untermieter gemeldet. Der junge Michael Schuncke kommt immer in den Ferien aus Baden-Baden, wo er mit der Mutter seit der Trennung der Eltern lebt. Hepners Sohn Peter wird sein wichtigster Freund in Dresden. &#8222;Meine Gro\u00dfmama erz\u00e4hlte mir von einer neuen Errungenschaft, als ich wieder da war&#8220;, erinnert sich Schuncke. Und, dass er bald Schlimmes erlebe. Regelm\u00e4\u00dfig kommen zwei Gestapo-Mitarbeiter vorbei, um Druck auszu\u00fcben, die j\u00fcdische Familie vor die T\u00fcr zu setzen. Ein unangenehmer Moment, bei dem k\u00fcnftig die &#8222;Errungenschaft&#8220; helfen soll: ein Stilleben mit Blumen, 1,80 Meter hoch, einen knappen Meter breit. Gut sichtbar h\u00e4ngt es im Aufgang der Villa. Auf der R\u00fcckseite ist ein riesiges Hitler-Gem\u00e4lde angebracht. In Windeseile kann das Bild umgedreht werden.<\/p>\n<p>Dann sind die M\u00e4nner in ihren abgewetzten Lederm\u00e4nteln wieder da. Die Hausangestellte meldet telefonisch nach oben: &#8222;Die Herren sind da.&#8220; Die eigentlich schlichte Wilhelmine Schuncke ist es als Industriellen-Gattin gewohnt, zu repr\u00e4sentieren und l\u00e4sst die NS-Schergen jedes Mal 15 Minuten warten, bevor sie ger\u00e4uschvoll die Treppen hinab rauscht. Ein Trick, um die Gestapo-Leute zu verunsichern. Den Enkel schickt sie nach oben. Michael Schuncke verfolgt die Szenerie durch die geschnitzte Treppenverkleidung. Und h\u00f6rt den Satz: &#8222;Wir kommen wegen ihren Juden.&#8220; Wilhelmine Schuncke gibt sich unbeeindruckt. &#8222;Meine Juden, wie Sie das nennen, bleiben hier im Haus&#8220;, antwortet die 80-J\u00e4hrige. Ihre blauen Augen blitzten dabei, erinnert sich der Enkel. Und an die Ver\u00e4chtlichkeit, mit der die Gro\u00dfmutter den Gestapo-Leuten begegnet. &#8222;Sie sagte zu ihnen: In welchem Haus in Dresden gibt es so ein kostbares Bild des F\u00fchrers?&#8220; Ergebnislos ziehen die Geheimpolizisten wieder ab. Mitte 1943 nehmen sie Richard Hepner mit. Noch einmal kommt er frei, bevor ihn die SS im Oktober 1944 ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Zu Weihnachten ist die Stimmung gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Von Richard Hepner fehlt jede Spur. Bis Ende Mai, als ein abgemagerter Mann mit Kopfverband und Kr\u00fccken im Fliederhof auftaucht. Die Hausangestellte erkannte ihn sofort, sagt Michael Schuncke mit brechender Stimme. Die Vorstellung, dass &#8222;Vater Hepner&#8220; im KZ fast alle Knochen gebrochen wurden, tut bis heute weh. Keiner rechnete mehr mit einer R\u00fcckkehr.<\/p>\n<p>Zur Gro\u00dfmutter habe Hepner gesagt: &#8222;Dass ich noch lebe, verdanke ich Ihnen und der SS-B\u00fcrokratie.&#8220; Alle KZ-H\u00e4ftlinge erhielten Laufnummern. Anhand seiner Zahl ging Hepner davon aus, dass er im Juni sterben w\u00fcrde. Die Alliierten befreien das Lager am 12. Mai. Die Hausgemeinschaft pflegt ihn gesund. Bis zu seinem Tod 1950 engagiert sich Richard Hepner in der J\u00fcdischen Gemeinde Dresden. Seine Witwe zieht mit dem Sohn in den Westen, sp\u00e4ter in die USA. &#8222;Sie haben uns gebeten, ihnen nicht b\u00f6se zu sein, aber nach diesem Leid wollten sie alle Br\u00fccken hinter sich abbrechen&#8220;, sagt Michael Schuncke. Eine Postkarte aus dem Westen sei das letzte Zeichen gewesen. Mit den Stolpersteinen will er nun selbst ein Zeichen setzen. Stellvertretend f\u00fcr viele Opfer des NS-Regimes eine Mahnung sein. An die Jungen, wie er sagt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Sachsen, 12.09.2014 Drei Steine f\u00fcr drei Leben Michael Schunckes Familie sch\u00fctzte eine j\u00fcdische Familie vor den Nazis. Mit einem ungew\u00f6hnlichen Gem\u00e4lde. Von Tobias Wolf Die Klarinette hat M\u00fche, gegen die Ger\u00e4uschkulisse im Dresdner Villenviertel Blasewitz anzuk\u00e4mpfen. 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