{"id":686,"date":"2020-07-20T20:29:29","date_gmt":"2020-07-20T18:29:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=686"},"modified":"2021-12-18T19:49:11","modified_gmt":"2021-12-18T17:49:11","slug":"tatort-kuehllaster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=686","title":{"rendered":"&#8222;Tatort K\u00fchllaster&#8220; &#8211; Schleuser pferchen Menschen mit Melonen zusammen, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 20.07.2020"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 20.07.2020<\/p>\n<h1>Tatort K\u00fchllaster<\/h1>\n<h4>Auf Melonenkisten lagen in dem Lkw 31 Menschen. Die Bundespolizei ermittelt. F\u00e4lle wie dieser sind wieder \u00f6fter ein Thema. Das hat auch mit Corona zu tun.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/?attachment_id=690\" rel=\"attachment wp-att-690\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-690\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/2020-07-20-S2-Tatort-K\u00fchllaster-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/2020-07-20-S2-Tatort-K\u00fchllaster-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/2020-07-20-S2-Tatort-K\u00fchllaster-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/2020-07-20-S2-Tatort-K\u00fchllaster-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/2020-07-20-S2-Tatort-K\u00fchllaster-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/2020-07-20-S2-Tatort-K\u00fchllaster-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Behutsam zieht der Gabelstapler die Palette mit den Melonenkisten aus dem Laderaum des K\u00fchl-Lkws und setzt sie vor der Werkstatt-Halle auf dem Polizeigel\u00e4nde im Dresdner Norden ab. Roland Schmidt* und Sascha Wiemer* haben wei\u00dfe Anz\u00fcge und blaue Handschuhe angezogen. Sie r\u00fccken den Mundschutz zurecht. Im str\u00f6menden Regen gucken sie zu, wie der Staplerfahrer Palette Nummer zwei abstellt.<\/p>\n<p>Schmidt und Wiemer sind Kriminaltechniker der Bundespolizei, spezialisiert auf die Spurensuche, auch das, was man nicht mit blo\u00dfem Auge sieht. \u00dcber Stunden werden sie bis zum Abend Innenraum und Ladung des t\u00fcrkischen Lkws absuchen, der der Polizei am vergangenen Dienstag ins Netz ging. 29 Paletten mit \u00fcber 12.000 kernarmen Mini-Wassermelonen, 23 Tonnen schwer. Vergangene Woche waren solche Melonen bei Kaufland in Dresden f\u00fcr 1,95 Euro das St\u00fcck im Angebot.<\/p>\n<p>Die Melonen interessieren die Kriminalisten, weil auf ihnen Menschen lagen. 31 M\u00e4nner im Alter von 18 bis 47 Jahren, die meisten t\u00fcrkische Kurden, drei Syrer, drei Iraner und ein Iraker. Auf den Obstkisten liegen noch Gep\u00e4ckst\u00fccke der Fl\u00fcchtlinge, ein paar Decken und Handt\u00fccher, mit denen sie sich vor der K\u00e4lte sch\u00fctzten. Eine genaue Untersuchung findet in der Bundespolizei-Inspektion in Berggie\u00dfh\u00fcbel in der S\u00e4chsischen Schweiz statt.<\/p>\n<p>&#8222;Die Spurensuche und Auswertung ist langwierig&#8220;, sagt Sascha Wiemer. &#8222;Im Fernsehen sieht das immer aus, als k\u00f6nnte man in kurzer Zeit noch am Tatort Fingerabdr\u00fccke und DNA-Spuren auswerten.&#8220; Allein die Vervielf\u00e4ltigung und Verst\u00e4rkung der Proben im Labor dauere eine gewisse Zeit.<\/p>\n<p>F\u00e4lle wie den des Melonenlasters gibt es im Ermittlerleben nicht allzu viele. Wiemers letzte Spurensuche dieser Art war ein griechischer Schleuserbus, den Bundespolizisten Weihnachten 2011 hollywoodm\u00e4\u00dfig vor dem Dresdner Hauptbahnhof stoppten.<\/p>\n<p>Die meisten Polizisten an der Grenze haben alle noch die Bilder von August 2015 im Kopf, als ein ungarischer K\u00fchltransporter mit 71 toten Fl\u00fcchtlingen im Laderaum auf dem Seitenstreifen einer \u00f6sterreichischen Autobahn entdeckt wurde. Hauptkommissar Sven L\u00f6schner aus Breitenau leitet die aktuellen Ermittlungen gegen den t\u00fcrkischen Lkw-Fahrer. &#8222;Seit August 2015 kann keiner mehr sagen, er wei\u00df nicht, was es hei\u00dft, Menschen in einem K\u00fchllaster zu transportieren.&#8220;<\/p>\n<p>In Sachsen hatte es kurz vor dem Fall in \u00d6sterreich etwas \u00c4hnliches gegeben. Nach Anwohnerhinweisen waren in der N\u00e4he von Lauenstein 81 M\u00e4nner, Frauen, Kinder und S\u00e4uglinge entdeckt worden, die mehr als einen Tag auf der schlecht bel\u00fcfteten Ladefl\u00e4che eines Lastwagens unter menschenunw\u00fcrdigen Zust\u00e4nden zusammengepfercht waren. Den Fahrer stellten Beamte damals noch in der Umgebung. Kriminaltechniker Schmidt hat den Lauensteiner Laster damals untersucht. Nun also wieder solch ein Transporter. Der 50-J\u00e4hrige beginnt mit einer hellen LED-Lampe die Obstkisten auszuleuchten, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Wiemer fotografiert.<\/p>\n<p>18 Stunden zuvor, Dienstagabend, kurz vor halb neun. Eine Zoll-Streife bemerkt den Lkw nach der tschechisch-deutschen Grenze auf der Autobahn 17. Die Beamten sind im Einsatz f\u00fcr eine Gro\u00dfkontrolle mit Fokus Lastverkehr. Rund 14.000 Fahrzeuge passieren die Grenze jeden Tag, 80 Prozent Lkws. W\u00fcrde man die Autobahn sperren, und jeden kontrollieren, g\u00e4be das Stau bis Prag. Der etwa vier Jahre alte t\u00fcrkische Laster ist einer von 166, der innerhalb von drei Tagen auf einen nahen Parkplatz gelotst wird. Der Wagen ist gepflegt, technisch unauff\u00e4llig, die Reifen top. Weil er aus einem Nicht-EU-Land kommt, soll \u00fcberpr\u00fcft werden, ob alles verzollt ist. Ein Routineeinsatz. Frachtpapiere pr\u00fcfen, die Ladung checken, eine Standardprozedur, sagt ein Zollsprecher.<\/p>\n<p>Als die Z\u00f6llner den Laderaum \u00f6ffnen, fallen ihnen angebissene Melonenschalen auf. Die Essensreste liegen auf der einzigen freien Fl\u00e4che, zweieinhalb Meter breit, keinen Meter tief. Dass im nur 65 Zentimeter hohen Raum zwischen Obstkisten und Dach Menschen liegen, wird erst klar, als ein Z\u00f6llner mit der Leiter die Kisten pr\u00fcfen will. Im Schein der Taschenlampe erkennt er in drei Metern Entfernung Personen.<\/p>\n<p>Herbeigerufene Bundespolizisten nehmen die Migranten in Empfang. Nach einer Anzeige wegen unerlaubter Einreise werden sie an die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde Chemnitz weitergeleitet. Der 57-j\u00e4hrige Lkw-Fahrer, ein hagerer T\u00fcrke mit Stirnglatze und grauem Schnauzer, wird nach ersten Vernehmungen in die Justizvollzugsanstalt Dresden gebracht. Ein Gericht ordnet Untersuchungshaft an. F\u00fcr das Einschleusen unter lebens- oder gesundheitsgef\u00e4hrdenden, unmenschlichen oder erniedrigenden Bedingungen drohen zehn Jahre Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Wie gef\u00e4hrlich es im K\u00fchlraum wirklich war, diesen Nachweis k\u00f6nnen Spuren liefern. In der ersten Palette sto\u00dfen die Kriminalisten auf Verpackungen von Schokoriegeln, Waffeln und Keksen, Zigarettenschachteln, bedruckt in einer s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Sprache. Schmidt sammelt und legt ab, Wiemer fotografiert f\u00fcr die Akte.<\/p>\n<p>Die Details m\u00fcssen geheim bleiben, um die Ermittlungen nicht zu gef\u00e4hrden. Schmidt und Wiemer nummerieren Paletten und Funde, verpacken alles in Clipt\u00fcten. &#8222;Die Menge der Lebensmittel und Wasserflaschen kann helfen, einzusch\u00e4tzen, wie gef\u00e4hrlich der Transport im Laderaum war&#8220;, sagt Roland Schmidt.<\/p>\n<p>Inzwischen stehen sieben Melonen-Paletten neben dem Lkw. Schmidt klettert immer wieder auf die Leiter, durchsucht jede Kiste. &#8222;Hier ist was&#8220; ruft er und reicht einen Plastikschnipsel herunter. Wiemer dreht ihn in der Hand. &#8222;Ein St\u00fcck Ausweis.&#8220;. Schmidt findet mehr. Wiemer h\u00e4lt die St\u00fccke aneinander: eine Aufenthaltskarte aus einem mitteleurop\u00e4ischen Land f\u00fcr Nicht-EU-B\u00fcrger. &#8222;Ob der falsch oder echt ist, sehen unsere Urkundenexperten.&#8220;<\/p>\n<p>Ausweise, aber auch Dokumente des Fahrers und die Frachtpapiere k\u00f6nnen helfen, die Schleuser-Route nachzuvollziehen. Hat der Mann Pausen gemacht, passen seine Angaben zu jenen der Migranten? Hat er irgendwo getankt, Maut bezahlt? Klar scheint nur, dass der Lastwagen die Melonen in der Stadt Mersin in der S\u00fcdt\u00fcrkei an Bord nahm und dass er wohl entlang der klassischen Balkanroute \u00fcber Bulgarien, Rum\u00e4nien, Ungarn und Tschechien nach Deutschland fuhr.<\/p>\n<p>Ob die Spedition von der Schleusung wusste, ist unklar. Die 1995 gegr\u00fcndete Firma transportiert Gem\u00fcse, Obst, Eis, Tiefk\u00fchlkost und Elektronik im Nahen Osten und nach Europa und betreibt eine Flotte von 70 K\u00fchllastern. Eine Anfrage bei der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung blieb unbeantwortet.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge sollen in Ungarn zugestiegen und \u00fcber zw\u00f6lf Stunden im K\u00fchlraum eingesperrt gewesen sein. In W\u00e4ldern entlang der Autobahn M5 zwischen Szeged im S\u00fcdosten und Budapest gibt es viele M\u00f6glichkeiten, im Schutz der Dunkelheit Schleuserfahrzeuge zu besteigen.<\/p>\n<p>Gleich zu Anfang haben Schmidt und Wiemer drei F\u00fcnf-Liter-Plastikflaschen und einige kleinere voll mit Urin herausgeholt. Offenbar durften die Fl\u00fcchtlinge den Laderaum nicht verlassen. Stattdessen mussten sie ihre Notdurft wohl im Zwischenraum zwischen T\u00fcr und Melonen verrichten.<\/p>\n<p>Schmidt hat die n\u00e4chste Palette vor sich. Oben liegen ein Handtuch mit dunkelroten Flecken und eine durchtr\u00e4nkte Gesichtsmaske. Blut? &#8222;Wir sprechen immer von bluttypischen Anhaftungen, bis wir es genau wissen&#8220;, sagt Sascha Wiemer. Mindestens einer der Passagiere soll wegen einer gebrochenen Nase behandelt worden sein. Vielleicht war er beim Versuch, von den Kisten herabzuklettern, gest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Nach Jahren der Stagnation steigt die Zahl von &#8222;Beh\u00e4ltnisschleusungen&#8220; wieder, wie die Polizei den Transport in Lkws und Transportern nennt. Maik Fischer ist Hauptkommissar der Kriminalabteilung der Bundespolizei in Halle, die f\u00fcr Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen zust\u00e4ndig ist. &#8222;Durch die vor\u00fcbergehenden Grenzschlie\u00dfungen hat es eine Art Corona-Stau gegeben, weshalb nun mehr Schleuser unterwegs zu sein scheinen&#8220;, sagt der 39-J\u00e4hrige. Vor allem Routen von der T\u00fcrkei \u00fcber Rum\u00e4nien und von Griechenland \u00fcber Serbien seien auff\u00e4llig.<\/p>\n<p>Sachsen ist wegen der N\u00e4he zu Tschechien und Polen ein Hotspot. Auch am vergangenen Dienstag griffen Polizisten an der A 14 bei Leipzig acht Frauen und M\u00e4nner aus Syrien auf. Auch sie kamen wohl per Lkw \u00fcber die A 17. Am Mittwoch wurden acht Migranten bei Breitenau entdeckt. Der Schleuser entkam. Allein die Inspektion Berggie\u00dfh\u00fcbel verzeichnet trotz der fast drei Monate dauernden Corona-Pause von Januar bis Juni 300 illegale Migranten, 42 Schleuser und 11 Mitt\u00e4ter. Die meisten stammten aus Serbien, der Ukraine und Moldawien, gefolgt von Syrern und Albanern. Die Schleuser sind zumeist Syrer, Rum\u00e4nen, Moldawier und Ukrainer.<\/p>\n<p>Auch Dienststellen weiter \u00f6stlich in Ludwigsdorf an der A4 und in Ebersbach-Neugersdorf verzeichnen immer mehr F\u00e4lle. Dort kommen vor allem Osteurop\u00e4er mit Schleusern. Mitte Juni setzte ein K\u00fchllaster 26 Menschen aus dem Nahen Osten im Zittauer Gebirge ab und entkam. Auch abgelegene Grenz\u00fcberg\u00e4nge im Erzgebirge werden genutzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Schleuser und ihre Hinterm\u00e4nner ist die lebensgef\u00e4hrliche Schleusung in geschlossenen Lader\u00e4umen oder K\u00fchllastern ein dickes Gesch\u00e4ft. Migranten zahlen zwischen 6.000 und 10.000 Euro f\u00fcr die Strecke aus dem Nahen Osten bis Deutschland.<\/p>\n<p>Manche T\u00e4ter sind mit Schein-Ladungen unterwegs, sagt Chef-Ermittler Sven L\u00f6schner. M\u00f6bel oder \u00e4hnlich unverderbliche G\u00fcter werden f\u00fcr eine glaubw\u00fcrdige Legende mit falschen Frachtpapieren hin und her gefahren. Im Fall des t\u00fcrkischen Lkw-Fahrers war die Melonen-Ladung wohl echt. Den Etiketten zufolge sollte sie nach M\u00fcnchen gehen. Vielleicht hat auch der Umweg \u00fcber Sachsen das Misstrauen der Beamten geweckt.<\/p>\n<p>Roland Schmidt und Sascha Wiemer haben inzwischen den Laderaum vermessen. Bei zw\u00f6lf Metern L\u00e4nge und 2,50 Metern Breite blieben jedem Migranten rechnerisch gerade einmal 0,9 Quadratmeter Liegefl\u00e4che auf den Melonen, nur wenig mehr als ein Schwein in Massentierhaltung. Wie war der Lkw-Fahrer in die Schleusung eingebunden? Oder hat er nur irgendwo gehalten und jemand anderes brachte die Menschen in den K\u00fchlraum? Mit einem Wattetupfer streicht Roland Schmidt den Riegel der Heckklappe ab. Ist die DNA identisch mit der am Lenkrad oder dem Griff der Fahrert\u00fcr, k\u00f6nnte das darauf hindeuten, dass der Fahrer den Laderaum f\u00fcr den Zustieg \u00f6ffnete. Auch die sichergestellten Trinkwasser-Flaschen werden im Labor auf DNA untersucht. Das kann Hinweise liefern, wer noch an der Schleusung beteiligt war.<\/p>\n<p>Die Melonen d\u00fcrfen nach der Schleusung nicht mehr in den Handel. Das hat das Gesundheitsamt verf\u00fcgt. Sie werden entsorgt. Wann der Lkw an die Spedition zur\u00fcckgegeben wird, ist unklar. Die Spurensuche ist noch lange nicht abgeschlossen.<\/p>\n<p>* Namen ge\u00e4ndert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 20.07.2020 Tatort K\u00fchllaster Auf Melonenkisten lagen in dem Lkw 31 Menschen. Die Bundespolizei ermittelt. 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