{"id":709,"date":"2020-04-29T21:44:40","date_gmt":"2020-04-29T19:44:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=709"},"modified":"2021-12-18T20:16:27","modified_gmt":"2021-12-18T18:16:27","slug":"praedikat-beste-jugendarbeit-saechsische-zeitung-seite-3-29-04-2020","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=709","title":{"rendered":"&#8222;Pr\u00e4dikat: Beste Jugendarbeit&#8220; &#8211; Wie ein Aikido-Trainer unbehelligt Kinder missbraucht, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 29.04.2020"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 29.04.2020<\/p>\n<h1>Pr\u00e4dikat: &#8222;Beste Jugendarbeit&#8220;<\/h1>\n<h4>\u00dcber Jahre soll ein Kampfsporttrainer Jungen sexuell missbraucht haben. Der Fall zeigt, wie einfach es T\u00e4ter haben, wenn sie strategisch vorgehen und wenn Ermittler z\u00f6gern.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/?attachment_id=710\" rel=\"attachment wp-att-710\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-710\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-04-29-S3-pr\u00e4dikat-beste-Jugendarbeit-Aikidotrainer-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-04-29-S3-pr\u00e4dikat-beste-Jugendarbeit-Aikidotrainer-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-04-29-S3-pr\u00e4dikat-beste-Jugendarbeit-Aikidotrainer-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-04-29-S3-pr\u00e4dikat-beste-Jugendarbeit-Aikidotrainer-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-04-29-S3-pr\u00e4dikat-beste-Jugendarbeit-Aikidotrainer-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-04-29-S3-pr\u00e4dikat-beste-Jugendarbeit-Aikidotrainer-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Die Stimme auf dem Anrufbeantworter klingt warm und freundlich. &#8222;Am besten erreichen Sie mich unter dieser Nummer wochentags am Vormittag.&#8220; Ansonsten solle man eine Nachricht hinterlassen. Thomas H., dem die Stimme geh\u00f6rt und der sich selbst Max-Thomas nannte, kann seine Mailbox schon lange nicht mehr abh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Staatsanwaltschaft hat den 50-j\u00e4hrigen Kampfsporttrainer wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in 32 F\u00e4llen angeklagt. Schwer hei\u00dft, der T\u00e4ter ist in die Opfer eingedrungen. Au\u00dferdem soll er in 28 weiteren F\u00e4llen Kinder sexuell missbraucht haben. Das alles soll sich zwischen Oktober 2012 und Februar 2019 ereignet haben. Die Opfer sind zehn m\u00e4nnliche Kinder und Jugendliche.<\/p>\n<p>Wie viele Betroffene es wirklich gibt, ist unklar. Ebenso, wie viele \u00dcbergriffe der Mann an Kindern unterhalb der Strafbarkeitsschwelle begangen hat &#8211; wie etwa Ber\u00fchrungen. Mehr als hundert Minderj\u00e4hrige hat H. \u00fcber die Jahre trainiert, Dutzende durch die Jugendweihe begleitet und unz\u00e4hlige in fast drei Jahrzehnten als Sozialarbeiter und Erlebnisp\u00e4dagoge betreut.<\/p>\n<p>An mindestens vier Schulen hat H. Kinder in Aikido trainiert, einer defensiven japanischen Kampfkunst. Ausgerechnet Aikido, das wegen moralischer Aspekte eher Lebensweg als Kampfkunst ist und deshalb als Schutzsport f\u00fcr Kinder gilt, die dar\u00fcber erstarken und lernen sollen, mit Konflikten umzugehen. H.s Trainer und Mentor, der eine Aikido-Schule in Dresden f\u00fchrt, sagt: &#8222;F\u00fcr mich ist das alles verst\u00f6rend, weil es dem Aikido-Gedanken v\u00f6llig widerspricht, was er da getan haben soll. Man denkt, man kennt die Leute.&#8220;<\/p>\n<p>Dresden-Gruna. 31. Oktober 2019. Kurz nach Mitternacht. Ein Dutzend Polizisten fahren zu einem schmucken dreist\u00f6ckigen Altbau mit Bogenfenstern. Das Ziel: die Wohngemeinschaft im Erdgeschoss. Auf 160 Quadratmetern leben hier drei M\u00e4nner f\u00fcr 1.100 Euro Kaltmiete zusammen, ein 30-J\u00e4hriger, ein 61-J\u00e4hriger und H., der auch im Wintergarten Training anbietet. Nur der Trainer ist in jener Nacht zu Hause. Er l\u00e4sst sich widerstandslos festnehmen.<\/p>\n<p>Als der \u00e4ltere Mitbewohner heimkommt, kleben Siegel an H.s T\u00fcren. Im Flur liegt ein Zettel: &#8222;Bin verhaftet worden.&#8220; Das blieb im Haus nicht unbemerkt, erf\u00e4hrt der Mitbewohner. &#8222;Die Nachbarskinder haben gefragt, warum nehmen sie den mit, das ist doch der netteste Mensch der Welt.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr die Dresdner Aikido-Szene, die einige Hundert Aktive umfasst, bricht eine Welt zusammen. H. ist ein geachteter Trainer und Aikidomeister. Zum Zeitpunkt der Verhaftung liegt der Staatsanwaltschaft eine Anzeige vor. Die Polizei gr\u00fcndet die Sonderkommission Tatami, benannt nach der Aikido-Matte. F\u00fcnf erfahrene Ermittler werden eingesetzt. Es k\u00f6nnte der Eindruck von Entschlossenheit entstehen, w\u00e4re die erste Anzeige nicht schon 16 Monate her.<\/p>\n<p>Aikidokas, Freunde, die Kollegen vom Projekt &#8222;Br\u00fccke &#8211; Jugendweihe f\u00fcr Jungen&#8220;- fast alle, die Thomas H. gut kennen, sind fassungslos \u00fcber die Vorw\u00fcrfe. Unvorstellbar, unm\u00f6glich, &#8222;der doch nicht&#8220;. H. ist beliebt, er liebt einfache Dinge wie Marmeladenbr\u00f6tchen, fr\u00fchst\u00fcckt gern lang und trinkt mit Freunden in der WG-K\u00fcche Tee.<\/p>\n<p>Von Charisma ist die Rede, von einem, dem man jedes Problem anvertrauen kann, vom Erstkl\u00e4ssler bis zum pubertierenden Teenager. Nett und einf\u00fchlsam, m\u00e4nnlich und selbstbewusst, souver\u00e4n und h\u00f6flich. Einer, der die Jungs nicht zu Machos erzieht. Ein Vorbild. Vor allem M\u00fctter sollen das gern geglaubt haben. Auf sie habe er eine besonders starke Wirkung ausge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Anna Sauer*, eine enge Freundin H.s, erz\u00e4hlt, dass sie noch Probleme hat, sich das alles vorzustellen. Bis 2018 half sie H. im Training. &#8222;Bevor das passiert ist, dachte ich, wenn \u00fcber so etwas im Fernsehen berichtet wurde, dass man f\u00fcr die die Todesstrafe wieder einf\u00fchren sollte&#8220;, sagt die 44-J\u00e4hrige, die H. auch im Gef\u00e4ngnis besucht. &#8222;Jetzt ist das nicht mehr so einfach, wenn es einen Menschen betrifft, den man zehn Jahre als sehr guten Freund erlebt hat.&#8220;<\/p>\n<p>Sauer fungiert als eine Art Schnittstelle und informiert H.s Freunde und Bekannte. &#8222;\u00dcberall Entsetzen, Ungl\u00e4ubigkeit, Nicht-glaubenwollen. Ich habe junge M\u00e4nner zusammenbrechen und weinen sehen.&#8220;<\/p>\n<ol>\n<li>arbeitet seit den 1990er-Jahren als Einzelfallhelfer, der in schwierige Familien geht, um bei der Erziehung zu helfen. Als Jugendweihebetreuer organisierte er ab 2010 Abenteuertouren, Zeltcamps in der Wildnis mit Lagerfeuer und spirituellen Erfahrungen. Fotos davon zeigen Thomas H. in kurzen Hosen oder Kapuzenpulli, die dunkelblonden Haare kurz geschoren.<\/li>\n<li>sei ein &#8222;Fest der M\u00e4nnlichkeit&#8220;, sagt eine, die ihn kennt. Ein toller Spielpartner f\u00fcr Kinder und Jugendliche, ein anderer. &#8222;Manche kennen ihn 20 Jahre und mehr. Pr\u00e4dikat: Beste Jugendarbeit, sehr umsichtig, flei\u00dfig, konsequent, gut vorbereitet.&#8220;<\/li>\n<\/ol>\n<p>Gregor Mennicken ist Facharzt f\u00fcr Psychotherapie und Spezialist f\u00fcr sexualisierte Gewalt. &#8222;Wenn T\u00e4ter gezielt M\u00fctter einwickeln, traut sich das Kind nicht mehr, etwas Negatives \u00fcber den Mann zu sagen, weil es die ganze Zeit gespiegelt bekommt: der ist toll oder was auch immer&#8220;, sagt der 50-J\u00e4hrige. &#8222;Dann sehen die Kinder den Makel bei sich, finden zwar komisch, was der T\u00e4ter mit ihnen macht, kommen aber nicht auf die Idee, dass das nicht okay ist.&#8220;<\/p>\n<p>Die Mutter sei als Expertin f\u00fcr ihr Kind oft arglos, weil sie ihre Sympathie f\u00fcr den T\u00e4ter damit verwechsle, dass sie glaubt, ihn &#8222;gepr\u00fcft&#8220; zu haben. Die Strategien von T\u00e4tern seien oft gleich. Eine der wichtigsten sei, Bezugspersonen f\u00fcr sich gewinnen.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist fast nie der Fremde, sondern immer einer, der sich \u00fcber Jahre Vertrauen aufgebaut hat und dem man seine Kinder einfach so mitgibt&#8220;, sagt Mennicken. &#8222;Einer, der sich immer ein bisschen mehr engagiert als andere.&#8220; Schlaue P\u00e4dophile sehen schnell, wer welche Bed\u00fcrfnisse hat und wer in Institutionen wichtig ist. Solche T\u00e4ter h\u00e4tten praktisch freie Bahn.<\/p>\n<p>Im Nachhinein ist manchem H.s langes Single-Dasein aufgefallen. Mindestens zw\u00f6lf Jahre soll der Katzenfreund allein gelebt haben. &#8222;Ich glaube, dass er Schiss hatte vor Erotik mit Leuten, die ihm das Wasser reichen k\u00f6nnen&#8220;, sagt einer, der ihm fr\u00fcher n\u00e4herstand. Nach der Festnahme bekommt Paul Carstens* einen Anruf von H.s Bruder, der ihn um Hilfe bittet. Der 21-j\u00e4hrige Carstens betreut die Internetseite des Trainers. Fotos, Texte und ein Video werden gel\u00f6scht. Nur eine Notiz bleibt: &#8222;H. steht bis auf Weiteres als Trainer nicht mehr zur Verf\u00fcgung.&#8220; Keine Erkl\u00e4rung, kein Wort zu den Vorw\u00fcrfen.<\/p>\n<p>H., der Mann, der wohl \u00fcber Jahre ein Doppelleben f\u00fchrte, kann auf sein Umfeld z\u00e4hlen. Auf Freunde, die seine Wohnung ausr\u00e4umen, auf Aikidokas wie seinen Trainer, der an den Schulen H.s \u00dcbungsmatten und Trainingsmaterial einsammelt.<\/p>\n<p>Carstens habe sich gefragt, ob er etwas nicht bemerkt hat. &#8222;Da war nix.&#8220; Wegen ihm habe H. an Schulen trainiert. Der Junge besucht mit acht Jahren einen Ferienkurs in einer Aikidoschule. Die Eltern h\u00e4tten H. gefragt, ob er an der Grundschule nahe der Gl\u00e4sernen Manufaktur Aikido anbieten k\u00f6nnte. Dienstags und donnerstags trainieren sie mit dem Mann, der f\u00fcr viele zum v\u00e4terlichen Freund wird, am Nachmittag die Kleinen, am fr\u00fchen Abend die Gro\u00dfen. Zur Grundschule kommen eine Oberschule in Dresden-Mickten nicht weit vom Elbepark und eine in Radebeul. Eine Kinderpsychologin vermittelt H. an eine Schule im Landkreis S\u00e4chsische Schweiz-Osterzgebirge, die geistig behinderte Kinder betreut und assistiert ihm.<\/p>\n<p>Man w\u00fcrde die Schulen gern nach dem Trainer fragen, ausgerechnet die staatlichen Schulen mauern. Die Leiterin der Micktener Oberschule mokiert sich zun\u00e4chst \u00fcber Medienberichte und sagt dann: &#8222;Das ist eine pers\u00f6nliche Entt\u00e4uschung f\u00fcr mich.&#8220; Sie glaube nicht, dass es an ihrer Schule Missbrauch gab. Oberschule Radebeul: keine F\u00e4lle, kein Kommentar. Auch die Grundschulleiterin will nicht reden. &#8222;Ich bin viel zu sehr involviert, kenne ihn zu viele Jahre.&#8220;<\/p>\n<p>Dabei ist es die Grundschule, die wegen sexueller \u00dcbergriffe im Juni 2018 &#8211; 16 Monate vor H.s Festnahme &#8211; in den Fokus der Kriminalpolizei ger\u00e4t. Die Aikidosch\u00fcler Bert Claus und Konrad Pfeiffer zeigen Thomas H. an, nennen Namen und beschreiben \u00dcbergriffe am Beispiel eines damals etwa Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen. Sie hatten beobachtet, wie H. bei \u00dcbungen seltsame Bewegungen macht, sagt der heute 19-j\u00e4hrige Claus. Vor allem zum Trainingsabschluss, wenn sich die Sportler gegenseitig massieren. &#8222;Der hat den Kindern an den Penis gefasst, daran rumgemacht.&#8220; Er sei nach der Anzeige erleichtert gewesen, sagt Claus. Endlich passiere etwas. Ein Trugschluss.<\/p>\n<p>Wo es um Sport geht, ist die Gefahr von \u00dcbergriffen gro\u00df &#8211; wegen der vielen M\u00f6glichkeiten der Ber\u00fchrung, sagt Psychotherapeut Mennicken. Aikido ist Kontaktsport. Systematisch testen T\u00e4ter Grenzen ihrer Opfer. Gleichzeitig schaffen sie N\u00e4he \u00fcber eine exklusive Beziehung f\u00fcr das Kind, Lob, Geschenke oder sonstige Hervorhebungen gegen\u00fcber anderen. &#8222;Missbrauch ist das Ergebnis einer langen Planung.&#8220; Ein Junge, der keine oder keine positiv besetzte Vaterfigur hat, den k\u00f6nne jemand, der so kraftvoll wie H. erscheint, heranziehen.<\/p>\n<p>Bert Claus kennt Thomas H. seit der Jugendweihe, war mit ihm im Trainingslager, Saunabesuch inklusive. Mit den Erfahrungen als Sozialarbeiter vermittelt H. zwischen Claus und dessen Eltern. &#8222;Ich hatte mit vielen Sachen meine Probleme.&#8220; H. hilft. Claus und Pfeiffer wenden sich im Mai 2018 an eine spezielle Beratungsstelle in Dresden-Blasewitz. &#8222;Wir dachten, wir k\u00f6nnen das alleine h\u00e4ndeln und haben gehofft, dass er einfach damit aufh\u00f6rt&#8220;, sagt Claus. Die Ansprache f\u00e4llt den Jungen schwer, H. habe nichts abgestritten. Der Berater habe zur Anzeige geraten. Wer merke, dass er p\u00e4dophil sei, k\u00f6nne nicht weiter mit Kindern arbeiten. Es soll schon ein Vorfall aus dem Jahr 2012 dokumentiert sein, der nicht angezeigt wurde. Es ging um Ber\u00fchrungen des Geschlechtsteils. Davor gab es \u00e4hnliche Vorw\u00fcrfe im Umfeld des Jugendweihe-Projekts, auch ohne Anzeige.<\/p>\n<p>Nach ihrer Anzeige h\u00f6ren Claus und Pfeiffer eineinhalb Jahre nichts, weder von der Polizei noch vom Trainer. Bert Claus sagt: &#8222;Wir dachten, kein Trainingslager findet mehr statt nach der Anzeige&#8220;. Aber es gibt noch zwei, im Herbst 2018 und kurz vor der Festnahme. In einem Lager soll es zu einem \u00dcbergriff gekommen sein. Die Staatsanwaltschaft will sich nicht dazu \u00e4u\u00dfern, ob es nach der Anzeige der Sch\u00fcler schon Ermittlungen gab und verweist auf das anstehende Gerichtsverfahren.<\/p>\n<p>Es sind immer noch Monate bis zum Zugriff der Ermittler in dem Altbau in Dresden-Gruna, als sich weitere Indizien abzeichnen. Die Schule f\u00fcr geistig behinderte Kinder hatte sich schon vor Thomas H.s Auffliegen mit dem Thema sexuelle Gewalt besch\u00e4ftigt und Lehrer und Sch\u00fcler weitergebildet. Wohl deshalb h\u00e4tten sich die Betroffenen von sich aus gemeldet, sagt der Schulleiter. Vier Jahre habe H. an der Schule gut 30 Kinder trainiert. Drei F\u00e4lle sind bislang bekannt. Offenbar ging H. geschickt vor. Die Helferin bemerkte nichts. Wenn die Psychologin zur Toilette ging, soll er die Genitalien einiger Kinder ber\u00fchrt haben. Einem soll er sogar w\u00e4hrend des Trainings unter die Hose gefasst haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Experten Gregor Mennicken ist klar: &#8222;Ein Sexualt\u00e4ter handelt planvoll, beobachtet, stellt Vertrauen her und schl\u00e4gt irgendwann zu.&#8220; Ihre Neigung sei potenziellen T\u00e4tern fr\u00fch bewusst, weshalb sich viele Berufe oder Vereine suchen, in denen sie mit Kindern in Kontakt kommen: Trainer, Lehrer, Erzieher, Kinderarzt. &#8222;Wenn die T\u00e4ter ihre Strategien auf unterschiedliche Zielgruppen einstellen, wird es f\u00fcr das Kind schwierig, ihm wird nicht geglaubt, behinderten Kindern erst recht nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Der Schulleiter konfrontiert Thomas H., der die schweren Vorw\u00fcrfe nicht abstreitet. &#8222;Er hat sich die ganze Zeit die H\u00e4nde vors Gesicht gehalten und immer wieder \u201aOrnee\u2018 gesagt.&#8220; H. sei fristlos gek\u00fcndigt worden. Der Schulleiter erf\u00e4hrt, dass es eine Anzeige in Dresden gibt und wendet sich an die f\u00fcr den Landkreis zust\u00e4ndige Polizei Pirna. Die Schule und die Eltern der Kinder zeigen Thomas H. an.<\/p>\n<p>Am 29. August 2019 schickt die Behindertenschule eine Meldung \u00fcber ein &#8222;besonderes Vorkommnis&#8220; an das Landesamt f\u00fcr Schule und Bildung, benennt den Trainer und erkl\u00e4rt, dass Anzeigen vorliegen. Auch die anderen Schulen, an denen Thomas H. trainiert, benennt der Schulleiter. Informiert werden die Schulen wohl nicht sofort durch das Landesamt. Aus der Beh\u00f6rde hei\u00dft es, man habe erst Ende September einen Hinweis von einem freien Tr\u00e4ger in einer Behinderteneinrichtung bekommen. &#8222;Der Tr\u00e4ger hat uns nur informiert, dass es eine Anzeige geben wird, es war nur ein Hinweis, keine konkreten Dinge&#8220;, so eine Sprecherin. Man habe die Schulen vorsorglich informiert. &#8222;Wir k\u00f6nnen ja nicht jeden unter Generalverdacht stellen.&#8220; Man sei aber in Kontakt mit der Polizei gewesen.<\/p>\n<p>Die Polizei verweist dazu auf die Staatsanwaltschaft, die auf das anstehende Gerichtsverfahren verweist. Bis zur Anklage habe H. die Vorw\u00fcrfe nicht abgestritten, sagt Oberstaatsanwalt J\u00fcrgen Schmidt. Erst einen Tag vor der Festnahme im Oktober 2019 sei das Ermittlungsverfahren bei seiner Beh\u00f6rde bekannt geworden.<\/p>\n<p>Wie kann es sein, dass Anzeigen wegen Missbrauchs zun\u00e4chst wohl nur z\u00f6gerlich verfolgt werden und so weitere Kinder sexuell missbraucht wurden? Vielleicht zeigt das der Gerichtsprozess. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass \u00f6ffentlich verhandelt wird. Das Schulamt wird beantworten m\u00fcssen, warum es gut einen Monat dauert, betroffene Schulen zu informieren. &#8222;Kinderschutzkonzepte mit klaren Regeln sind unabdingbar&#8220;, so Experte Mennicken.<\/p>\n<p>H.s fr\u00fcherer Aikido-Trainer sagt, er sehe sich als Freund H.s, der den Menschen hinter den Taten erkennen will. Anna Sauer sagt, Thomas H. habe beim letzten Besuch im Gef\u00e4ngnis ge\u00e4u\u00dfert, er wolle verhindern, dass ein Opfer im Prozess aussagen muss, Das wolle er selbst tun. Sauer hofft, dass der Fall Thomas H. mehr hinterl\u00e4sst, als Sch\u00e4den bei den Betroffenen. &#8222;Je sensibler eine Gesellschaft f\u00fcr diese Themen ist und vielleicht solche Menschen nicht von vornherein verurteilt, desto mehr w\u00fcrden sich dann vielleicht helfen lassen. Sie sind nicht verantwortlich f\u00fcr die Neigung, aber f\u00fcr die Tat, wenn einem Kind was passiert.&#8220;<\/p>\n<p>*(Namen ge\u00e4ndert)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 29.04.2020 Pr\u00e4dikat: &#8222;Beste Jugendarbeit&#8220; \u00dcber Jahre soll ein Kampfsporttrainer Jungen sexuell missbraucht haben. Der Fall zeigt, wie einfach es T\u00e4ter haben, wenn sie strategisch vorgehen und wenn Ermittler z\u00f6gern. 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