{"id":727,"date":"2020-02-22T22:57:52","date_gmt":"2020-02-22T20:57:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=727"},"modified":"2021-12-18T19:51:44","modified_gmt":"2021-12-18T17:51:44","slug":"leitartikel-hanau-der-hass-der-vielen-saechsische-zeitung-titel-22-02-2020","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=727","title":{"rendered":"Leitartikel Hanau: &#8222;Der Hass der vielen&#8220;, S\u00e4chsische Zeitung, Titel, 22.02.2020"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Titel, 22.02.2020<\/p>\n<h1>Der Hass der vielen<\/h1>\n<h4>Hanau zeigt, wie das Gift immer tiefer in unsere Gesellschaft einsickert &#8211; befeuert von &#8222;Demokraten&#8220;, die Meinungsfreiheit als Freibrief f\u00fcr Hetze betrachten.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf Reporter im Ressort Politik\/Investigatives<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/?attachment_id=728\" rel=\"attachment wp-att-728\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-728\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-02-22-S1-Leitartikel-Hanau-DerHassdervielen-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-02-22-S1-Leitartikel-Hanau-DerHassdervielen-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-02-22-S1-Leitartikel-Hanau-DerHassdervielen-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-02-22-S1-Leitartikel-Hanau-DerHassdervielen-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-02-22-S1-Leitartikel-Hanau-DerHassdervielen-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/2020-02-22-S1-Leitartikel-Hanau-DerHassdervielen-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Wir trauern um die Opfer. Wir f\u00fchlen mit den Hinterbliebenen. Wir ringen um Worte, die nicht auszudr\u00fccken verm\u00f6gen, was geschehen ist: ein Mord an neun Menschen. Get\u00f6tet von einem offenbar psychisch kranken T\u00e4ter, der Verschw\u00f6rungstheorien nachhing, Nicht-Wei\u00dfe hasste, L\u00e4nder in Afrika und Asien ausl\u00f6schen wollte. Am Ende t\u00f6tete er sogar seine Mutter.<\/p>\n<p>Es ist die Tat eines Einzelnen, aber es ist der Hass der vielen, der zu solchen Verbrechen f\u00fchrt. Der M\u00f6rder von Hanau war wohl kein organisierter Neonazi. Aber er k\u00f6nnte sich als Vollstrecker einer angeblichen Mehrheitsmeinung gef\u00fchlt haben, der handelt, wo andere &#8222;nur&#8220; reden. Er erinnert damit an den M\u00f6rder von Halle, der eine Synagoge st\u00fcrmen wollte und zwei Menschen t\u00f6tete. Halle war im Oktober. Kurz davor die Sch\u00fcsse auf einen Eritreer und der Mord am CDU-Politiker Walter L\u00fcbcke.<\/p>\n<p>Es hat noch viel fr\u00fcher begonnen. Die Terrorgruppe NSU mordete \u00fcber ein Jahrzehnt lang. Jeden Tag finden menschenverachtende Beitr\u00e4ge im Internet zig tausendfache Zustimmung. Gruppen wie Pegida, Parteien wie die AfD &#8211; sie haben das daf\u00fcr passende Angebot und machen ihr politisches Gesch\u00e4ft. Nach der Devise: &#8222;Das wird man doch noch sagen d\u00fcrfen.&#8220; Passiert dann etwas, wollen sie nichts damit zu tun haben.<\/p>\n<p>Die Relativierer und Demokratiefeinde bauen darauf, dass Widerspr\u00fcche, zweierlei Ma\u00df und Details ihre Fans nicht bek\u00fcmmern. Der Weg vom Wort zum Terror der &#8222;Gruppe Freital&#8220; oder &#8222;Revolution Chemnitz&#8220; f\u00fchrt \u00fcber Extremisten, Pegida und die AfD, die zum politischen Arm der Hetzer geworden ist.<\/p>\n<p>AfD-Bundeschef Tino Chrupalla, der die anderen pauschal &#8222;Anti-Demokraten&#8220; nennt, rechtsextreme Begriffe wie &#8222;Umvolkung&#8220; empfiehlt und Anh\u00e4nger auffordert, Journalisten zu bespitzeln, ist angesichts von Hanau auffallend still, will nur die Tat eines Geisteskranken erkennen.<\/p>\n<p>Wenn ein psychisch kranker Migrant eine Gewalttat begeht, macht AfD-Chef Nr. 2 J\u00f6rg Meuthen die Bundespolitik und eine &#8222;unkontrollierte, kulturfremde Einwanderung&#8220; verantwortlich. Geht es aber um einen psychisch gest\u00f6rten Deutschen, h\u00e4lt es Parteikollege Alexander Gauland f\u00fcr sch\u00e4big, wenn solche Taten benutzt w\u00fcrden, um &#8222;gegen politische Konkurrenten vorzugehen&#8220;.<\/p>\n<p>Dumpfen Neonazis wollen viele &#8222;B\u00fcrger&#8220; nicht folgen, den Demagogen im Anzug schon. Und denen mit Richteramt, Professor-Titel oder Meisterbrief allemal. Wie jenen s\u00e4chsischen AfD-Bundestags &#8211; und Landtagsabgeordneten, von denen man nicht wei\u00df, ob sie Menschen verachten oder Opportunisten sind, die mit Hass und L\u00fcgen eine sp\u00e4te steuerfinanzierte Karriere machen. Politiker, die bei jeder kleinen Straftat eines Migranten den Untergang des Abendlandes herbeireden. Deren Antwort auf Fachkr\u00e4ftemangel lautet, dass erst Ausl\u00e4nder gehen m\u00fcssten. &#8222;Minus zuwanderung&#8220; sagen sie dazu.<\/p>\n<p>Bj\u00f6rn H\u00f6cke nennt das &#8222;wohltemperierte Grausamkeiten&#8220; und wundert sich, dass man ihn einen Faschisten nennen darf. Spricht die AfD \u00fcber &#8222;b\u00fcrgerlich-konservative&#8220; Deutsche als Opfer von Politik, geht es nicht um das eigentlich B\u00fcrgerlich-Konservative, das seine Heimat vielleicht in der CDU\/CSU hat. W\u00e4re die AfD b\u00fcrgerlich, w\u00fcrde sie die Politik kritisieren und ihren Anh\u00e4ngern Grenzen setzen, statt Hass zu sch\u00fcren, etwa mit grotesk verzerrten Kriminalit\u00e4tsstatistiken.<\/p>\n<p>Niemand sollte sich mehr mit &#8222;Protestwahl&#8220; herausreden. Entscheidend ist, was \u00f6ffentlich gesagt wird. Wer als W\u00e4hler geschichtsklitternde und rassistische \u00c4u\u00dferungen nicht zur Kenntnis nehmen will oder billigt, der hat keine berechtigten Sorgen, sondern tr\u00e4gt zur Verrohung der Gesellschaft bei. &#8222;Wir werden sie jagen!&#8220;, sagte Gauland nach der Bundestagswahl, und viele d\u00fcrften das als Aufforderung zur Gewalt verstanden haben.<\/p>\n<p>Wie ist dem Hass zu begegnen? Erstens, indem Politiker sich nicht mehr hinter der Floskel &#8222;Sorgen und \u00c4ngste ernst nehmen&#8220; verstecken und behaupten, man m\u00fcsse mit allen reden. Hass ist keine Sorge, sondern der Verlust jeglichen Anstands. Man denke an Senioren bei Pegida, die &#8222;Absaufen&#8220; riefen, als es um Seenotrettung ging. Wer Fakten ignoriert, wer Gewalt billigt, soll sich nicht mit Meinungsfreiheit herausreden.<\/p>\n<p>Zweitens: Es gibt Gesetze gegen Hass im Netz, aber das ist nur ein Anfang. Polizei und Justiz d\u00fcrfen nicht mehr abwiegeln, extremistische Hassverbrechen egal welcher Art und Richtung d\u00fcrfen in der Statistik nicht mehr unter K\u00f6rperverletzung erfasst werden, damit ein wirklichkeitsgetreueres Bild entsteht.<\/p>\n<p>Drittens: Angesichts der Mehrheit, die auch in Sachsen nicht AfD w\u00e4hlt, d\u00fcrfen krude Verschw\u00f6rungstheorien und dreiste L\u00fcgen nicht immer wieder zur unwidersprochenen Normalit\u00e4t werden. Wer dazu schweigt &#8211; in der Familie, unter Freunden, Kollegen, im Verein &#8211; macht sich mitschuldig. An der Zerst\u00f6rung der pluralistischen Gesellschaft und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Thema der Woche<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Titel, 22.02.2020 Der Hass der vielen Hanau zeigt, wie das Gift immer tiefer in unsere Gesellschaft einsickert &#8211; befeuert von &#8222;Demokraten&#8220;, die Meinungsfreiheit als Freibrief f\u00fcr Hetze betrachten. 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