{"id":804,"date":"2021-09-20T19:09:58","date_gmt":"2021-09-20T17:09:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=804"},"modified":"2021-12-18T19:48:00","modified_gmt":"2021-12-18T17:48:00","slug":"der-gang-nach-heidenau-saechsische-zeitung-seite-3-20-09-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wolftobias.com\/?p=804","title":{"rendered":"&#8222;Der Gang nach Heidenau&#8220; &#8211; Betroffene erk\u00e4mpfen Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche, S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 20.09.2021"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 20.09.2021<\/p>\n<h1>&#8222;Der Gang nach Heidenau&#8220;<\/h1>\n<h4>Wie auch andere Kinder wurde Gerda Lemmer vor mehr als 50 Jahren von Pfarrer Herbert Jungnitsch missbraucht. Erst jetzt kl\u00e4rt die Kirche die Taten auf. Was es hei\u00dft, endlich ernst genommen zu werden.<\/h4>\n<p>Von Tobias Wolf und Ulrich Wolf (Text) und Matthias Rietschel (Foto)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolftobias.com\/?attachment_id=806\" rel=\"attachment wp-att-806\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-806\" src=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Der-Gang-nach-Heidenau-SZ_DDN_20-09-2021_03-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Der-Gang-nach-Heidenau-SZ_DDN_20-09-2021_03-150x150.jpg 150w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Der-Gang-nach-Heidenau-SZ_DDN_20-09-2021_03-160x160.jpg 160w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Der-Gang-nach-Heidenau-SZ_DDN_20-09-2021_03-240x240.jpg 240w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Der-Gang-nach-Heidenau-SZ_DDN_20-09-2021_03-60x60.jpg 60w, http:\/\/wolftobias.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Der-Gang-nach-Heidenau-SZ_DDN_20-09-2021_03-184x184.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Aus Zittern wird Beben und erfasst den ganzen K\u00f6rper. Mit einem Ruck setzt sich Gerda Lemmer* aufrecht und dr\u00fcckt den R\u00fccken durch. Dann steht sie auf, k\u00e4mpft sich auf dem knarzenden Parkett nach vorn. Bis sie neben dem Mann mit dem sch\u00fctteren Haar und der abgewetzten schwarzen Cordjacke steht. Was der gesagt hat, will, nein, kann sie nicht so stehen lassen. Es w\u00fcrde sie erneut zum Opfer machen. 80 Augenpaare sind in der Aula des Heidenauer Pestalozzi-Gymnasiums auf Lemmer gerichtet.<\/p>\n<p>Donnerstagabend vergangene Woche. Die katholische Gemeinde St. Georg ist in der Schule zusammengekommen, um in den Abgrund der eigenen Geschichte zu gucken. Die Aula erinnert mit den Emporen und hohen Bleiglas-Bogenfenstern an eine Kirche. Die Zuh\u00f6rer sind im Halbrund versammelt, keiner soll h\u00f6her sitzen als der andere. Auf einer Leinwand steht: \u201eAuftaktveranstaltung zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Gemeinde Heidenau\u201c.<\/p>\n<p>Zweimal schon hatte die Pfarrei den Termin coronabedingt verschoben, nun beginnt die \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber einen der bislang schwersten Missbrauchsf\u00e4lle im Bistum Dresden-Mei\u00dfen.<\/p>\n<p>Eine SZ-Recherche hatte den Fall im Februar bekannt gemacht. Mehr als 20 Jahre nachdem Joachim Reinelt, Altbischof des Bistums Dresden-Mei\u00dfen, erstmals Hinweise erhalten hatte, denen aber jahrelang niemand nachging. Es geht um die Taten des 1971 gestorbenen Pfarrers Herbert Jungnitsch.<\/p>\n<p>Der aus der N\u00e4he von Breslau stammende Geistliche leitete die Georgs-Gemeinde von 1948 bis zu seinem Unfalltod. Mindestens vier Kindern tat er sexuelle Gewalt an, auch \u201eschweren Missbrauch\u201c.<\/p>\n<p>Eines der Kinder von damals ist Gerda Lemmer. Je n\u00e4her dieser Abend kam, desto unruhiger wurde sie. Die heute 61-J\u00e4hrige war schon fast 50, als Flashbacks kamen, unwillk\u00fcrliche Erinnerungen, ausgel\u00f6st durch Schl\u00fcsselreize, die wieder und wieder durchlebt werden. Bilder aus der Kindheit, im Pfarrhaus, ohne Schl\u00fcpfer, mal mit anderen zusammen, der Pfarrer, eine Marienfigur schwenkend. Die Tatorte: die Pfarrwohnung, die Sakristei, die Empore, der dunkle Orgel-Gang. Die zitternden H\u00e4nde ans Lenkrad geklammert, ist Gerda Lemmer nun wieder nach Heidenau gefahren.<\/p>\n<p>Der Fall treibe die Gemeinde um, sagt ihr Referent Benno Kirtzel. Der 31-J\u00e4hrige, Vollbart, Nickelbrille, steckt hinter der Aufarbeitung. Seit 2019 arbeitet er in Heidenau. \u201eMissbrauch konterkariert, was wir als Kirche verk\u00fcnden.\u201c Kirtzel war Zivildienstleistender im mittels\u00e4chsischen Kloster Wechselburg, als der damalige Rektor des Berliner Canisius-Kollegs 2010 systematischen sexuellen Missbrauch publik machte und in der Folge immer mehr Taten ans Licht kamen, die die Katholische Kirche ersch\u00fctterten und bis heute nicht loslassen.<\/p>\n<p>\u201eIch habe hautnah erlebt, wie eine Institution damit umgeht.\u201c Im Studium besch\u00e4ftigte sich Kirtzel weiter mit dem Thema, half, in seiner Ausbildungsgemeinde ein Schutzkonzept zur Pr\u00e4vention von sexualisierter Gewalt einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>\u00dcberwiegend Frauen und M\u00e4nner zwischen 40 und 70 Jahren sind in die Aula gekommen, nur wenige sind deutlich \u00e4lter oder j\u00fcnger. Ganz vorn sitzt Bischof Heinrich Timmerevers, der monatelang erkl\u00e4rt hatte, nicht kommen zu wollen, bis der Druck zu gro\u00df wurde. Er fl\u00fcstert gelegentlich mit seinem Nachbarn, Pfarrer Vinzenz Brendler. Beide werden als Einzige ihre OP-Masken durchg\u00e4ngig aufbehalten, obwohl das am Platz nicht vorgeschrieben ist.<\/p>\n<p>Brendler er\u00f6ffnet den Abend, liest ab, als k\u00f6nne jedes frei gesprochene Wort ein falsches sein. \u201eWir wollen zeigen, dass wir auf der Seite der Betroffenen stehen.\u201c Sein Bischof sieht das anders. Im Radio hat Timmerevers zwei Tage zuvor erkl\u00e4rt, er stehe irgendwo zwischen Opfern und T\u00e4tern, nicht aufseiten der Betroffenen. Der Abend sei der Beginn eines Lernprozesses, so Brendler. Der dritte hochrangige Offizielle, Generalvikar Andreas Kutschke, wird sp\u00e4ter ebenfalls das Bild der \u201eLernenden\u201c bem\u00fchen \u2013 als w\u00e4re seit 2010 nichts passiert.<\/p>\n<p>Gerda Lemmer hat sich seitlich vor eine Wand gesetzt, den K\u00f6rper an die Mauer gepresst, den Kopf in die Hand gest\u00fctzt. Sie zittert, sie rutscht hin und her. Immer wieder kommen Panikattacken.<\/p>\n<p>Pfarrer Brendler ist seit 2018 mit f\u00fcr Heidenau zust\u00e4ndig, er ist der vierte Geistliche, der seit dem Tod von Jungnitsch die Gemeinde betreut. Das Thema Missbrauch kennt er: Im Gemeinderat einer Dresdner Pfarrei, in der Brendler bis 2015 t\u00e4tig war, sa\u00df ein Missbrauchst\u00e4ter, der der europaweit gr\u00f6\u00dften Kinderpornografie-Plattform \u201eElysium\u201c angeh\u00f6rte; das Gericht verurteilte den Mann 2018 zu f\u00fcnf Jahren Haft. Dennoch wird Brendler bis auf wenige Formalien schweigen, obwohl er als Gemeindepfarrer das Gesicht der Aufarbeitung sein m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Den Abend moderiert die Sozialp\u00e4dagogin Heike Mann. Sie leitet eine bei der Arbeiterwohlfahrt angesiedelte Fachstelle zur Pr\u00e4vention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. \u201eAuch f\u00fcr mich ist das ein bedeutender, au\u00dfergew\u00f6hnlicher Abend.\u201c Zwei Psychologinnen und ein Anwalt st\u00fcnden bereit, sollte es zu einem Nervenzusammenbruch, zu einer Retraumatisierung oder anderem kommen.<\/p>\n<p>Mann spricht \u00fcber T\u00e4terstrategien, wie sie Jobs suchen, in denen sie sich an Opfer heranmachen k\u00f6nnen. Sie erkl\u00e4rt, warum Betroffene sich erst Jahrzehnte nach den Taten offenbaren. Als Kinder k\u00f6nnen sie nicht verstehen und einordnen, was mit ihnen geschieht. In traumatisierenden Situationen spalten sie belastende Momente ab, k\u00f6nnen sich deshalb nur bruchst\u00fcckhaft, teils gar nicht erinnern. Alles \u00dcberlebensstrategie.<\/p>\n<p>Vielleicht haben Betroffene oft versucht, ihre Notlage mitzuteilen, und sind nicht geh\u00f6rt, nicht ernst genommen oder gar beschimpft oder bestraft worden. Traumata seien umso schlimmer, je j\u00fcnger die Betroffenen sind, je l\u00e4nger die Gewalt andauert und je \u00f6fter sie wiederholt wird. Wenn den Opfern nicht geglaubt wird und sie keine Unterst\u00fctzung erhalten. Zwei M\u00e4nner im Rentenalter machen eifrig Notizen. Heike Mann sagt, das Thema habe sehr viel mit Aushalten zu tun.<\/p>\n<p>Gerda Lemmer hat es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Den Gro\u00dfteil ihres Lebens konnte sie sich vieles nicht erkl\u00e4ren: \u00c4ngste, Depressionen, Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber Autorit\u00e4tspersonen, \u00fcbertriebene Arbeitswut, das Ringen um Anerkennung. Die Ehe zerbrach. Mit den Erinnerungen kam der Burnout. Lemmer hat acht Suizidversuche hinter sich. Immer geplant, immer, nachdem das Trauma wieder da war. Ein Leben zwischen Anspannung und D\u00e4mmerzustand. Bis sie nicht mehr konnte und von der Hocksteinaussicht in der S\u00e4chsischen Schweiz sprang. Eine Baumkrone rettete sie. Nach der Seele war auch ihr K\u00f6rper zerst\u00f6rt. Ein Wendepunkt. Lemmer begann eine Therapie.<\/p>\n<p>In der Schulaula wird ihr Zittern mit jedem Redebeitrag st\u00e4rker. Sie presst einen d\u00fcnnen Schal im Wechsel vors Gesicht und zwischen ihre H\u00e4nde, als der 59-j\u00e4hrige Bistumsjustiziar Stephan von Spies die Fakten referiert. Den bisher bekannten Tatzeitraum von 1964 bis 1968. Mindestens vier Opfer: vier bis acht Jahre alte M\u00e4dchen, \u201eVorschulalter bis circa zweite Klasse\u201c. Dazu glaubhafte Aussagen \u00fcber N\u00f6tigungen zu sexuellen Handlungen bei Jugendlichen. Wiederholte Taten, nicht nur vom Pfarrer begangen.<\/p>\n<p>Sechs M\u00e4nner von 20 bis 70 \u2013 auch aus dem \u201efamili\u00e4ren Umfeld\u201c \u2013 sollen beteiligt gewesen sein, h\u00e4tten zugeschaut, fotografiert, gefilmt oder aufgepasst. Religi\u00f6se Symbole und lithurgische Ger\u00e4te sollen bei den Missbr\u00e4uchen benutzt worden sein. Die Betroffenen h\u00e4tten die T\u00e4ter \u00fcberwiegend als Gemeindemitglieder eingeordnet. \u201eDie Ehefrauen m\u00fcssten Kenntnis gehabt haben.\u201c Ein Seufzen geht durchs Publikum. Eine alte Frau wischt eine Tr\u00e4ne weg.<\/p>\n<p>Nach dem Skandal von 2010 wandten sich, dadurch ermutigt, Betroffene aus Heidenau an das Dresdner Bistum. Eine von ihnen ist Christina Meinel, 68. Applaus begleitet sie, als sie mit hochrotem Kopf und z\u00f6gernden Schritten ans Mikrofon tritt. Wie Lemmer ist Meinel in Heidenau aufgewachsen. Die beiden Frauen sind befreundet. In der von schlesischen Vertriebenen gepr\u00e4gten Kirchgemeinde empfing sie die Kommunion. Am Pestalozzi-Gymnasium machte sie Abitur. In der Georgs-Gemeinde habe sie sich wohlgef\u00fchlt. \u201eWir gingen zur Messe, ich liebte und verehrte \u201aOnkel Pfarrer\u2018 Jungnitsch. Er war jung, gut aussehend, charismatisch.\u201c Sie habe sogar ins Kloster gewollt. Als ihr viel sp\u00e4ter d\u00e4mmerte, dass man ihr etwas Verbotenes angetan habe, habe \u201eder Buschfunk in Heidenau das als wirres Zeug von ein paar verklemmten Frauen\u201c abgetan.<\/p>\n<p>Gerda Lemmer, zitternd an Sitz und Wand geschmiegt, nickt. Es ist auch ihre Geschichte. Sie w\u00fcrde gern etwas sagen, aber Gef\u00fchle fluten sie. Wenn, dann k\u00f6nnte sie nur in der dritten Person \u00fcber alles sprechen, von einer anderen Frau, das hatte sie sich vorher \u00fcberlegt. Aus Selbstschutz.<\/p>\n<p>Therapien k\u00f6nnten helfen, aber nicht heilen, sagt Christina Meinel. \u201eWenn Bein ab ist, ist Bein ab.\u201c Man k\u00f6nne eine Prothese tragen, aber das ersetze nicht das Bein. \u201eBei mir ist das Bein die Seele.\u201c Sie habe ihre Gef\u00fchle vereisen m\u00fcssen infolge des Missbrauchs. \u201eMeine Kinder mussten darunter leiden.\u201c Die Stimme&nbsp; zittert, sie k\u00e4mpft mit Tr\u00e4nen, f\u00e4ngt sich wieder. Eine Mittvierzigerin im Publikum kann nicht mehr aufh\u00f6ren zu weinen, eine betagte Dame ein paar St\u00fchle weiter schluckt.<\/p>\n<p>Sexueller Missbrauch zerst\u00f6re das Vertrauen in die Menschen, f\u00e4hrt Meinel fort. Jungnitsch habe Vertrauen und Macht ausgenutzt. Immer wieder schaut Meinel in die Runde, verharrt kurz mit dem Blick auf Pfarrer Brendler und Bischof Timmerevers.<\/p>\n<p>F\u00fcr Meinel ist der Abend \u201eein offizielles Bekenntnis und Eingest\u00e4ndnis der Taten durch die Kirche, in der ich gro\u00df geworden bin\u201c. Sie appelliert an die \u00c4lteren: \u201eErinnern auch Sie sich und stehen Sie zu der Vergangenheit.\u201c Jungnitschs Gewalt gegen Kinder, \u201eist und bleibt ein Teil der Geschichte der Georgs-Gemeinde Heidenau\u201c. Es sei eine Chance, mit der Aufarbeitung zu beginnen. \u201eDas w\u00fcrde mir Frieden und Genugtuung bringen.\u201c Applaus brandet auf.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Teil der \u00e4ltesten Gemeindemitglieder ist Jungnitsch Wohlt\u00e4ter, weil er den Familien half, indem er Lebensmittel, Kleidung oder Lehrstellen besorgte. Gemeindereferent Kirtzel sagt, es gebe Stimmen, \u201edie Jungnitsch immer noch sehr positiv sehen und die Vorw\u00fcrfe anzweifeln\u201c.<\/p>\n<p>Aus dem Publikum meldet sich der Mann mit der schwarzen Cordjacke und fragt: \u201eGibt es da mehr als nur die Beschuldigungen von vier Frauen gegen einen Mann, der seit 50 Jahren tot ist und sich nicht wehren kann?\u201c Ob es keine anderen Beweise gebe? Und ob man gepr\u00fcft habe, wie lange sich Kinder zur\u00fcckerinnern k\u00f6nnten? Grummeln im Raum, ein vereinzeltes Klatschen. Es ist der Moment, als Gerda Lemmers Zittern in Beben \u00fcbergeht.<\/p>\n<p>Bevor sie sprechen kann, entgegnet eine Therapeutin dem Mann, das fr\u00fchkindliche Erinnerungen bis ins dritte Lebensjahr zur\u00fcckreichten. Eine Frau sagt, sie sei entsetzt \u00fcber die Fragen des Mannes. \u201eDie Details<\/p>\n<p>des Missbrauchs, so etwas denkt sich doch niemand aus.\u201c Und Justiziar von Spies betont, es gebe zwar keine Fotos oder Aufnahmen von den Taten, aber vier Zeugenaussagen, die sich nicht widerspr\u00e4chen. \u201eWir haben keinen Grund, daran zu zweifeln. Und das ist dann ein Beweis.\u201c Es ist das wohl aufrichtigste Bekenntnis eines hohen Kirchenvertreters an diesem Abend.<\/p>\n<p>Gerda Lemmer hat nun das Mikrofon. Sie erz\u00e4hlt, dass Betroffene in ihren Familien mutterseelenallein seien, vergebens auf Worte hofften wie: \u201eWir glauben dir, wie geht es dir?\u201c Sie erz\u00e4hlt von den Suizidversuchen, vom Sprung vom Hockstein. Sie erz\u00e4hlt von einer Mutter, die nach Bekanntwerden der Vorw\u00fcrfe gegen den Pfarrer auf die Frage ihrer Tochter j\u00fcngst antwortete: \u201eWir haben das Gerede damals nicht ernst genommen.\u201c Von einer Mutter, die sagt, sie k\u00f6nne sich damit heute nicht mehr besch\u00e4ftigen, weil es ihr Leben infrage stellen w\u00fcrde. Gerda Lemmers Stimme droht zu kippen, dann sagt sie \u201emeine Mutter\u201c. Ihr K\u00f6rper bebt, der Mann mit dem sch\u00fctteren Haar sieht zu ihr auf, sagt kein Wort mehr.<\/p>\n<p>Die ganz Alten in der Gemeinde h\u00e4tten versucht, den Missbrauch kleinzureden, wie die Mutter, die sagte: \u201eAber du warst bestimmt blo\u00df beim Zugucken dabei\u201c, als w\u00e4re das nichts gewesen, mit vier Jahren zuzugucken. Lemmer f\u00e4ngt sich, spricht wieder in der dritten Person \u00fcber sich. \u201eIch will nicht, dass das untergeht.\u201c Applaus.<\/p>\n<p>Moderatorin Mann guckt ins Publikum. Die Therapeutin meldet sich noch einmal, wendet sich direkt an Generalvikar Kutschke: \u201eAll das hier h\u00e4tte man seit 2010 machen k\u00f6nnen, wann kommt von Ihnen der Satz: Ich entschuldige mich, ich ganz pers\u00f6nlich.\u201c Die Zuh\u00f6rer applaudieren. Der Mann, der die Verwaltung des Bistums dirigiert, guckt verdattert. Hatte er doch schon \u00fcber den Lernprozess des Bistums, neue Strukturen, neue Ansprechpartner und die neue Mustergesch\u00e4ftsordnung der Aufarbeitungskommission gesprochen. Kutschke guckt die Therapeutin an. \u201eIch bitte Sie um Entschuldigung.\u201c Es klingt technokratisch, wie etwas, das man an diesem Abend und an dieser Stelle so sagen muss.<\/p>\n<p>Sein Blick streift Gerda Lemmer, wandert zu Christina Meinel. \u201eDass die Ortskirche und ihre &nbsp;Verantwortlichen die Taten nicht verhindert haben: Daf\u00fcr bitte ich um Entschuldigung.\u201c Gerda Lemmer murmelt: \u201eSo eine Entschuldigung brauche ich nicht, lieber Taten.\u201c Vorn guckt der Generalvikar etwas hilflos auf Christina Meinel, die ihn schlie\u00dflich erl\u00f6st: \u201eSie haben mich angeguckt dabei, das kommt an. Wenn das auch von Herrn Timmerevers k\u00e4me &#8230;\u201c<\/p>\n<p>An den Bischof geht die Forderung aus dem Publikum, etwas gegen noch lebende T\u00e4ter zu machen, deren Namen man kennen m\u00fcsste. Stichwort Kindersch\u00e4nderring Elysium. Pfarrer Brendler zuckt zusammen, der Bischof r\u00fchrt sich zun\u00e4chst nicht, aber geht dann doch noch ans Mikrofon.<\/p>\n<p>Auch er dankt Meinel \u201eaus tiefem Herzen\u201c. Sie habe durch ihre Hartn\u00e4ckigkeit diesen Abend erst erm\u00f6glicht. Nach \u00fcber zehn Jahren. Schon damals war dem Bistum vorgeschlagen worden, die Pfarrei zu einem \u201eSelbstreinigungsprozess\u201c aufzufordern und eine innerkirchliche Untersuchungskommission einzuberufen. Das versandete ebenso wie eine 2012 geplante Information der \u00d6ffentlichkeit durch das Bistum.<\/p>\n<p>Und als ob er an der Aufrichtigkeit der Aussage seines Generalvikars zweifelt, sagt Timmerevers: \u201eIch bin mit der Absicht hier in den Saal gekommen, um zu sagen: Ich bitte Sie und alle anderen Betroffenen offiziell als Vertreter der Institution um Entschuldigung.\u201c Eine Bitte um Entschuldigung f\u00fcr die seit Jahrzehnten verpasste Aufkl\u00e4rung gibt es nicht. Oder das Geheimhalten der schwersten Missbrauchsvorw\u00fcrfe im Bistum vor der \u00d6ffentlichkeit, Dinge, die die Kirchenfunktion\u00e4re im Gegensatz zu den Taten zu verantworten haben.<\/p>\n<p>Der Aufarbeitungsabend von Heidenau, er ist allenfalls ein Anfang. F\u00fcr die Betroffenen ist es ein Erfolg, dass ihr Leid endlich \u00f6ffentlich zur Sprache kam und Gemeindemitglieder zugeh\u00f6rt haben. Als Gerda Lemmer ins Auto steigt, zittert sie nicht mehr. Christina Meinel radelt zur S-Bahn, um den Zug nach Dresden zu nehmen. Das Angebot, die f\u00fcr den Abend zur inneren Einkehr ge\u00f6ffnete St.-Georgs-Kirche zu besuchen, hat sie nicht angenommen. Sie, die einmal Nonne werden wollte, ist schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten.<\/p>\n<p>* Name ge\u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Zeitung, Seite 3, 20.09.2021 &#8222;Der Gang nach Heidenau&#8220; Wie auch andere Kinder wurde Gerda Lemmer vor mehr als 50 Jahren von Pfarrer Herbert Jungnitsch missbraucht. Erst jetzt kl\u00e4rt die Kirche die Taten auf. Was es hei\u00dft, endlich ernst genommen zu werden. 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