Sächsische Zeitung, Hauptausgabe Dresden/Lokales, 27.12.2012

„Auf Crystal bist du immer an“

Die Modedroge verbreitet sich auch in Dresden rasant. Banker Mike P. ist Konsument der ersten Stunde.

Von Tobias Wolf

03-Auf Crystal bis du immer anMike P.* setzt sich auf das braune Ledersofa in seiner Striesener Wohnung. Sofort trommelt er mit seinen Fingern auf dem Couchtisch. Der Schweiß an seinen Händen hinterlässt feine Schlieren auf der Glasplatte. Lichtstreifen wandern über die Wand des Raumes, wenn ab und zu Autos vorbeifahren. Es ist Dienstag kurz vor Mitternacht. Der 29-Jährige ist hellwach. Das Knirschen seiner Zähne mischt sich unter das Trommeln der Finger seiner rechten Hand. Die linke fährt auf seinem Oberschenkel über die Jeans. Sein Blick ist auf ein Häufchen weißer Kristallbrocken auf dem Glastisch gerichtet. Mike zückt sein Portemonnaie, holt die silberne Sparkassen-Kreditkarte heraus und zerhackt mit der Kante der Chipkarte die Kristalle zu Pulver. Schnell und präzise.

Ein halbes Gramm Pulver schiebt er zu einer schmalen Linie zusammen. Immer wieder. Von links nach rechts. Und umgekehrt. Mike P. nimmt seit seinem 16. Lebensjahr die synthetische Modedroge Crystal. Er selbst nennt es nur noch „C“. Süchtige sprechen auch von Ice oder Meth. Für Chemiker ist das weiße Pulver N-Methylamphetamin und für Zollfahnder und Kriminalisten ist die gefährliche Droge ein großes Problem. Auch in Dresden.

Mike schläft seit drei Tagen nicht. „Auf Crystal bist du immer an“, sagt er und pulverisiert weitere Kristalle zu weiß schimmerndem Pulver. Die Linie auf seinem Tisch wird länger. „Als ob ein Schalter umgelegt wird, und plötzlich bist du total aktiv.“ Mike lässt sich beim Sprechen selbst keine Zeit zum Atmen. Es fällt schwer, seinen Worten zu folgen. Als sein Blick sofort wieder auf die Pulverlinie zurückkehrt, entspannt sich sein Gesicht. Mike lächelt. Jetzt „ruppt“ er sich „nur mal schnell“ eine, seine Bezeichnung für das Inhalieren der salzartigen Substanz. Es zischt wie beim Hochziehen des Sekrets, wenn jemand Schnupfen hat. Nur schneller und kräftiger. Dann ist das Pulver in seiner Nase verschwunden. Mike schließt die Augen, seine Gesichtszüge entspannen sich.

Das Trommeln seiner Finger hört auf, die Kreditkarte bleibt griffbereit auf dem Tisch liegen. Mike erzählt von den Risiken seines Drogenkonsums. Dass die scharfkantigen Kristalle seine Nasenschleimhäute ruiniert haben, spürt er nicht. „Am Anfang tat es noch weh. heute nicht mehr.“

Angefangen hat es vor 19 Jahren im Toeplerpark. Mike ist gerade zehn Jahre alt, skatet zu dieser Zeit oft mit Freunden in der Tolkewitzer Parkanlage. Ein paar ältere Jugendliche haben etwas zu rauchen dabei und lassen ihn mal „ziehen.“ Es ist sein erster Joint. Was er genau geraucht hat, weiß er nicht, nur dass es „irgendwie gut war“. Es folgen immer neue Erfahrungen mit Haschisch, Marihuana, Ecstasy. Sechs Jahre lang steigert er den Konsum, bis die in seinen Augen leichten Drogen, nicht mehr den gewünschten Effekt haben. Bei Crystal ist das anders. An die synthetische Droge gerät er erstmals mit 16 – wieder bei Freunden.

Seit seinem „Ruppen“, spricht Mike langsamer, erinnert sich an viele Details. Wer seine Sucht nicht kennt, würde sie spätestens jetzt nicht erahnen. Der Bankangestellte trägt ein enges, orangefarbenes T-Shirt, unter dem sich sein muskulöser Oberkörper abzeichnet, sein Gesicht ist glatt rasiert, sein Duft ist unaufdringlich, angenehm. Wenn er morgens stets pünktlich zur Arbeit geht, trägt Mike Hemd und Anzug, wie so mancher seiner Nachbarn in Striesen auch.

Bank – Party – Bank

„Den meisten sieht man es nicht an, dass sie Crystal nehmen“, sagt Mike. So auch seine Kollegen am Bankschalter nicht. „Du kannst damit tagelang durchmachen, manchmal auch zwei Wochen am Stück.“ Tagsüber Banker, nachts auf irgendeiner Party. „Krass“ sei es an Feiertagen in der Woche. Nach zehn Stunden Arbeit gibt es eine Nase voll Crystal und dann Party bis zum nächsten Morgen. Immer, wenn die Müdigkeit kommt, legt er noch mal eine „Line“ nach, tanzt damit auch den Feiertag samt der zweiten Nacht in Folge am liebsten zu schnellen Technoklängen durch. Bevor Mike wieder zur Arbeit geht, gönnt er sich eine Dusche, eine Stunde Intimität mit seiner Freundin und dann wieder Bank. „Das sollte man aber nicht zu oft machen und darf die Dosis nicht übertreiben.“ Mike doziert jetzt wie ein Mediziner, lässt sich über die richtige Lebensweise und Ernährung aus. Bananen und Wasser nehme er auch auf seinen Drogentrips in regelmäßigen Abständen zu sich, weil er sonst nicht mehr „klar wird“. Seinen Körper trainiert er mindestens drei Mal pro Woche im Fitnessstudio. „Wenn du dein Leben trotz Crystal auf die Reihe kriegst, merkt niemand etwas“, sagt er. „Nicht einmal deine eigene Freundin.“ Sie wundere sich nur über seine Leistungsfähigkeit. Ein Satz, der ihn grinsen lässt. Um vor dem nächsten Trip doch mal ein paar Stunden Schlaf zu finden, nimmt er Cannabis.

Mike nennt sich selbst süchtig, ein Problem sieht er in seinem Drogenkonsum nicht. Zu Sven Lindner kommen Crystal-Abhängige erst, wenn die Droge zu einem Problem für sie geworden ist, und sie es noch selbst bemerken. Der 45-Jährige arbeitet bei der Dresdner Drogenberatung, einem modernen Bürogebäude in der Richard-Wagner-Straße 17, eine Sackgasse in Strehlen. Mit neun Kollegen betreut er rund 500 „Klienten“ im Jahr. Die Zahl derer, die Crystal nehmen, sei seit Mitte der 1990er-Jahre geradezu explodiert, sagt Lindner. Das belegen auch die Zahlen des Landeskriminalamts, das die Straftaten erfasst, die mit der Modedroge in Verbindung stehen. Allein von 2002 bis 2011 haben sich demnach die Fälle mehr als vervierfacht, von 742 auf 3 051. Für dieses Jahr werden die Zahlen gerade zusammengetragen, das LKA rechnet mit einer weiter stark steigenden Tendenz.

Sven Lindner sieht die Betroffenen, wie er sie nennt, seit sieben Jahren ein- und ausgehen. „Über die Hälfte ist wegen Crystal hier“, sagt der Sozialpädagoge. Am Anfang des Konsums stehe die positive Wirkung im Vordergrund. Hochstimmung, Tatendrang, körperliche Leistungsfähigkeit, kein Schlafbedürfnis. Linder erzählt von immer mehr jungen Eltern, die glauben, ihrer Erziehungsrolle mit der Droge besser gerecht zu werden; von Managern und Unternehmens-chefs, die sich dopen, um Anforderungen besser zu erfüllen; von Handwerkern auf Montage, die tagelang durcharbeiten; von Bauarbeitern, die auf Crystal in einer Schicht nur zwei Steine vermauern, die aber auf den Hundertstel Millimeter genau. „Die Droge löst einen Drang zum Perfektionismus und Zwangshandlungen bis hin zu Ordnungswahn aus. Da putzt eine junge Frau vier Stunden lang ihr Bad und findet am Ende doch noch irgendwo Schminkreste am Waschbecken, und schon geht das Saubermachen von vorn los“, sagt der Drogenberater. „Die Betroffenen drehen sich im Kreis.“

Schlank, schön, süchtig

Mike räumt zwanghaft auf. Seine Wohnung ist beinah klinisch rein. Er kann sich im blank polierten Glastisch zusehen, wenn er sich wieder eine „ruppt“. Spuren des Pulvers werden penibel weggewischt, sobald er „durch“ ist. Fehler auf Arbeit fallen Mike keine ein.

Drogenberater Lindner kann den Unterschied zu dämpfenden Drogen wie Cannabis oder Heroin erklären. Crystal-Konsumenten erlebten im Rausch keine bunte Welt, sondern seien klar und nüchtern, ihr Selbstbewusstsein steige. Deshalb komme die Droge inzwischen aus unterschiedlichsten Gründen zum Einsatz, für den Erfolg in Schule oder Beruf, zum Schlanksein „dank“ Appetitlosigkeit, für Durchhaltevermögen bei Partys oder Sex. „Crystal wird dann zur Lösung für viele persönliche Unzulänglichkeiten.“ Doch irgendwann verkehren sich die positiven Anfangserfahrungen ins Gegenteil, sobald die Betroffenen mit Crystal Schluss machen wollen. „Die Hochstimmung ist weg, man kommt nicht mehr aus dem Bett. Der Körper ist ausgelaugt. Dann merken die meisten, dass es eben keine Lösung für irgendwelche eigenen Probleme ist“, sagt der Pädagoge. „Plötzlich ist man nur noch gereizt und unausgeglichen.“ An diesem Punkt setzt am häufigsten Lindners Beratung an. Eine pauschale Verurteilung der Konsumenten bringe nichts. Lindner weist auf ein generelles Problem hin: „Wir leben in einer Gesellschaft, wo problematischer Konsum weit verbreitet ist, egal ob bei illegalen Drogen wie Crystal und Cannabis oder legalen wie Alkohol und Nikotin.“ Der einzige Unterschied liege in der rechtlichen Bewertung. Und, dass für legale Drogen geworben werden könne-bei Alkohol sogar im Fernsehen. „Das Suchtverhalten ist immer das gleiche“, sagt er. Aber die Folgen der Sucht illegaler Drogen würden in Medien anders bei Alkohol wesentlich alarmierender dargestellt. Die Bilder von Menschen mit krassen Hautschäden und kaputten Zähnen, zeigten eher eine Wirklichkeit in den USA, wo es keine Krankenversicherung für alle gebe. Doch am Ende sei es wie bei allen Drogen: Ihr Konsum kann negative, ja sogar tödliche Folgen haben. „Muss er aber nicht. Für manche ist Weiterkonsumieren auch eine Lösung.“

Langjährigen Crystal-Konsumenten drohen häufig Psychosen und Depressionen. Mike P. glaubt fest daran, dass er seinen Konsum im Griff hat. Bis er vielleicht doch irgendwann bei Sven Lindner in der Drogenberatungsstelle sitzt.

*Name von der Redaktion geändert.